Hitler, ein Genie
Das erschreckende Resultat der Minarett-Abstimmung ist zumindest bei mir nicht verdaut. Ich hatte es bereits erwähnt, für mich hat sie den selben Stellenwert wie die verlorene EWR-Abstimmung von 1992. Die EWR-Abstimmung ging verloren, weil Leute aus meinem Kollegenkreis als uneinsichtige Isolationisten, als abwehrende Igel gegen ein dämonisiertes ausländisches Gebilde im Spiel der SVP mitmachten – ‘nützliche Idioten’ nennt man solche Beischläfer im extremistischen Lotterbett. Immerhin konnte man die grüne Verblendung noch nachvollziehen, die Argumente waren durchaus sachlich und in sich stimmig, wenn auch weltfremd. Die zunehmende Isolierung der Schweiz in der Welt wurde dieses Jahr auch für den hinterletzten Grünen offenkundig, und sie wird zunehmend zum Problem. Im Zusammenhang mit den Bankenaffären, der Libyenaffäre, dem aufgegebenen Bankgeheimnis, den Wirbeln um die Beihilfe zur Steuerhinterziehung: Immer wieder konnte man lesen, der Schweiz fehlten halt durch ihren Alleingang die Freunde.
Nun zur Minarett-Abstimmung:
Den nützlichen Idioten der SVP wird nicht entgangen sein, dass sie sich in einen unauflösbaren Widerspruch begeben haben. Möglicherweise ist es ihnen erst nach ihrem Bauchvotum aufgegangen. Der Widerspruch liegt zum einen darin begründet, dass sie sich hinter eine Partei stellen, die ausgerechnet das Alte Testament zur Grundlage seines Wertekatalogs, seiner “Christlichen Leitkultur” nimmt. Wir entsinnen uns, das Alte Testament: “Auge um Auge, Zahn um Zahn” – die christliche Scharia… Die EDU, zur Erinnerung, war die einzige Partei, die die Initiative offiziell unterstützt hat. Soviel noch zu “die Politiker hören dem Volk nicht zu” – vor der Abstimmung betraf das offenbar auch die SVP, die nun so in den Himmel gehoben wird als die Einzige, die die Sorgen der Leute ernst nähme. Nun, diese Tür schliesse ich stracks wieder, wer behauptet, Populismus nehme das Volk ernst, dem haben sich sowieso alle Gewichte besorgniserregend verschoben.
Mir ist auch in unguter Erinnerung geblieben dieser Furor einer Damenwelt, die sich emanzipiert glaubt, wo sie einfach nur krakeelt. Ich meine, wer kann jemanden Ernst nehmen, der vor der Abstimmung sich kaum mehr einkriegen kann mit Beispielen aus seinem Alltag, selbst Erlebte oder aus zweiter, dritter Hand, wo ein gewalttätiger Machismo Balkanjugendlicher die Hauptrolle spielt, der mit diesen Begründungen der islamischen Kultur Schranken setzen will? Wieviele Prozent der Balkanjugendlichen sind Muslime? Und von dieser Minderheit, wieviele sind mehr als Papiermuslime? Und schlussendlich auch noch: Wie halten es die Initianten, christliche Fundamentalisten, selber mit dem Machismo, den Frauenrechten, dem Selbstbestimmungsrecht in der Familie? Sind das wirklich die richtigen Verbündeten für eine Frau?
Nun zu Hitler
Aus aktuellem Anlass habe ich die dreibändige Geschichte des Dritten Reichs von Richard J. Evans wieder zur Hand genommen. Der erste Band umfasst die Zeit bis zur Machtergreifung der Nazis, und ein paar Dinge dürfen uns heute schon zu Denken geben. Evans beginnt im 19. Jahrhundert mit der Geburt des Bismark’schen Deutschen Reichs und kommt über den Ersten Weltkrieg zur Weimarer Republik, die durch die Nazis dann buchstäblich zerschlagen wurde. Lies es selber nach, hochinteressant! Ein paar Dinge, die zu Denken geben dürften, liegen im unbestreitbaren Talent der Nazis, die im Volk schlummernde Gewalttätigkeit gegen Aussenseiter anzustacheln und zu kanalisieren. Der Antisemitismus z.B. war in ganz Europa schon vor den Nazis weit verbreitet und durchaus gesellschaftsfähig; auch in Deutschland, mit einen Anteil von 1% Juden an der Gesamtbevölkerung! Diese zur Bedrohung empor zu stilisieren: Ein Meisterwerk der politischen Propaganda. Zu Denken gibt aber auch die Darstellung, wie eine Demokratie dadurch zerstört wird, dass sich immer mehr Leute von ihr abwenden und alles Übel einer ‘Classe politique’, dort halt beispielsweise ‘Novemberverbrecher‘ genannt, in die Schuhe schieben ….
Im zweiten Band wird dargestellt, wie die Nazis zwischen 1933 und 1939 den Staat zum perfekten Machtinstrument umbauten und eine echte Leitkultur durchsetzten. Der dritte Band endlich, soeben erst in deutsch erschienen, ist der heftigste. Der dritte Band nämlich hat den Zweiten Weltkrieg zum Thema, den von den Nazis angezündeten Weltenbrand, der sich ja bis nach Afrika, Asien und im Pazifik ausbreitete. Nun, ich habe über die Jahre wirklich Vieles zum Thema gelesen, angefangen von den kitschigen linksradikalen Arbeiterromanen der Zwanziger Jahre über die kitschigen Fliegerhelden- und Landserromane der Sechziger bis zu den einschlägigen Ernst zu nehmenden historischen Darstellungen, aber irgendwie war ich doch auf diesen Schock nicht vorbereitet. Die Erkenntnis, dass die Kriege der Nazis einhergingen mit einem sofortigen systematischen Terror gegen die Aussenseiter der eroberten Gebiete, Juden, Sinti und Roma, Sozialisten, Liberalen – die Liste ist zu lang, sie hier vollständig aufzuführen. Nicht dass der Terror stattfand, das war ja klar, aber dass er der siegreichen Armee auf dem Fuss folgte, das ist das Furchtbarste daran. Die Systematik. Der brandschwarze Hass.
Wie gesagt, ich habe viel zum Thema gelesen. Aber etwas ist mir immer noch nicht klar. Nämlich: Wie ist es möglich, dass ein verkrachter Künstler, ein unheilbarer Militarist, ein primitiver Schreihals, eine Witzfigur, ein möglicherweise gar Geisteskranker die vorhandenen gesellschaftlichen Kräfte so ausnutzen konnte, dass eine militaristische Diktatur einer Einheitspartei geschaffen werden konnte? Wie ist es möglich, dass ein einfacher Gefreiter zwanzig Jahre später als Oberbefehlshaber ganze Armeen aufmarschieren lassen kann?
Wie ich es auch drehe und wende, mir etwa vor Augen halte, dass ein Hitler ja nicht alleine handelte, so komme ich trotzdem immer wieder zum Schluss: Irgend etwas hat diesen Kranken in die Lage versetzt, in grossen Zügen zu denken, grossangelegte Strategien zu entwerfen, ohne dass irgendwie ersichtlich würde, was diesen Mann zu diesen Erfolgen befähigt hätte. Keine wirkliche Ausbildung, kein Zertifikat, kein Abschluss, kein Nichts. Und operierte in einem Umfeld von Doktoren, Absolventen militärischer Akademien, Ingenieuren, Wirtschaftsführern und Managern, er, dieser Prolet, Schreihals und Wüterich.
Also, wenn Hitler nicht heimlich eine echte Ausbildung erfahren hat, die der Geschichtsschreibung unbekannt ist, dann gibt es nur einen Schluss: Hitler war tatsächlich ein Genie. Und es wird sicherlich genügend Dummköpfe geben, die solch eine Feststellung mit einem Lob verwechseln. An diese habe ich beim Schreiben dieses Beitrags gedacht.
Schönes Wetter heute morgen. Vitamin D werde scheint’s durch Sonne gebildet, also setze ich mich im Trolleybus ans Fenster und lasse mich bescheinen. Wir fahren durch ein schönes Aussenquartier, Bäume, Laub, ein kleines Fussballstadion rechts, ein Tennisplatz links, der Herrgott meint es wieder mal gut mit seinem auserwählten Volk. Ein früherer Stadtpräsident mit seiner Frau steigt zu, die Sonne lacht, ein Freitagmorgen in der Schweiz.








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