Gemerkt? Dieser Beitrag spielt an auf Läden wie ‘Johnny’s Paradise’, also auf Johnny Hallyday, also auf Frankreich, also auf den Clan Sarkozy. Logischer Durchstich… selbstrefentieller Einstieg für neblig-trübe Tage und lange Nächte. Also, schalte das Radio ein, nimm dir Zeit und folge mir ein oder zwei Stündlein. Das hier ist nichts für 20 Minuten..
Apropos 20 Minuten: Je langweiliger die Schweizer Presse geworden ist in den letzten Monaten, desto mehr frequentiere ich die französischen Medien, vor allem im Netz natürlich – denn TV habe ich nicht, Presse ist teuer und papierverschwenderisch, und das Zusammenwachsen der Medien ist in Frankreich schon so weit fortgeschritten, dass die Verlinkereien uferlos sind. Ich kann locker einen ganzen Tag im Franzosennetz verbringen, und finde Material für eine Woche, wahrscheinlich gar für einen Monat.

Zusammen ohne die HIV-Positiven, die Schwulen, die Behinderten, die Immigranten, die ...
Allein die Eskapaden des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der aus Frankreich eine präsidentielle Monarchie gemacht hat, mit Königin Carla und Thronfolger Jean – das allein gibt Tag für Tag neuen Stoff her, Dallas im Elysée, sozusagen. Mit Nebendarstellern wie der in Ungnade gefallenen Alibi-Immigrantin Rachid Dati oder dem bedingungslosen Polanskiverteidiger Frédéric Mitterand, dem nun seine früheren Ausflüge als Sextourist nach Thailand um die Ohren geschlagen werden, vor einer Kulisse eher dumpfer Sozialdemokraten, die immer mehr vermuten lassen, dass sie keine Alternative zu den Rechten sind. Lektüre, Stoff für Stunden, eben.
Und Videos für Tage, wie hier auf Le Post, wo die frappante Ähnlichkeit in der Rhetorik von Vater und Sohn auf die Schippe genommen wird, oder hier, wo in Sekunde 12 der kleine Sarko denselben Trick wie sein Vater verwendet, indem er den Interviewer direkt mit seinem Namen anspricht: “Jamais, Jean-Jacques Cros, depuis le début de mon parcours politique…”. Auf der selben Seite übrigens wird beschrieben, welche Klimmzüge die TV-Redaktion vorführen musste, um Prinz Jean in der Sendung zu haben: Vorbesprechung der Fragen, fast doppelte Redezeit gegenüber ‘normalen’ Politiker – diese Unverfrorenheit ist fast nicht zu glauben, aber vielleicht sieht das nur für uns hier so aus, und unsere Blochers Mörgelis Brunners wirken genau so. Oder? Mit dem Unterschied natürlich, dass sie keine vergleichbare Macht haben.

Louise Bourgoin, Schönheit als Strategie
Bei dieser Devotheit allethalben muss Schützenjäger Sarkozy Père schäumen wegen der stinkfrechen Schönheit Louise Bourgoin, deren Spezialität vor allem die Persiflage aufgeblasener Personen ist. ‘People’ heissen diese ‘Promis’ in Frankreich. Und Louise Bourgoin ist mir begegnet als Jean Sarkozy, einfach göttlich, wenn man die Anspielungen halbwegs versteht – etwa auf den gestohlenen Roller des Präsidentensöhnchen, und den Aufruhr, den der damalige Innenminister und Chef der Polizei, Papa Sarkozy, deswegen veranstaltete. Aber auch als Carla Bruni, als Ségolène Royale, als Shawne Fielding beim Pistolenschiessen hehehe (allerdings ohne Brustimplantate), Louise Bourgoin in Cannes, Louise Bourgoin überrumpelt Eli Roth am Internationalen Tag der Blutspende – ich kann nicht mehr, schaut selber weiter, es scheint noch Dutzende der Clips zu geben.

le 7 sur Sète
So darf man ruhig sagen, die Ära Sarkozy, die länger dauern kann, da der Thronfolger ja bereits installiert wird, hat sicher ihr Gutes. Sintemalen man mal davon ausgehen darf, dass die Franzosen sich mehr für ein gutes Essen als für Politik interessieren. Das habe ich nicht aus einer wissenschaftlichen Studie, nur aus unzuverlässigen Quellen wie ‘Une année en Provence‘ oder eigenem Erleben als alleiniger Chef, Redakteur und Gourmettester für die Website ‘Gargantuas Homepage’, seit 1997 im Projektstadium; in dieser Funktion habe ich mich vor allem auf die französischen Lastwagenfahrer- und Land- sowie Kleinstadtbeizen kapriziert. War ganz fein, und ich vermisse den Meerfrüchte- und Meerschneckensalat im ‘7 sur Sète‘ ganz extrem, dort, wo sie dir ungefragt einen Liter Rotwein auf den Tisch stellen, das Menu €12.50 kostet, vin café compris, das Dessert wahlweise aus etwas Süssem oder einer freien Auswahl von der Käseplatte besteht (unbedingt den Käse nehmen und noch einen Nachschlag Wein dazu!!!). Unbedingt mal hinfahren, liegt zwar an einer lebensgefährlichen Raserstrecke, aber wer es lebend schafft, wird mit einem gratis Schlafplatz belohnt – hinterm Haus hat es einen grossen gekiesten Parkplatz, wo man sehr gut im Auto übernachten kann. Tja, das ist das einzige, das ich am Autofahren vermisse… Die Lastwagenfahrerbeizen in Frankreich… Und die anschliessende Siesta.

Relais de Donzère - die beste Beiz Frankreichs, mit dem schlechtesten Werbefoto
Wenn ich grad dabei bin: Unbedingt das ‘Relais de Donzère‘ besuchen, an der berühmt-berüchtigten Route Nationale 7, unter anderem von den belgischen New Waver Honeymoon Killers und in der Folge von den adjektivimmunen Stereo Total besungen. Allein die Salatbar lohnt den Umweg – alles was Kalorien nicht scheut ist dort vertreten, Kartoffel- Linsen- Ochsenmaul- Thon- Sardinen- Taboulé- Mayonnaise- und so weiter-Salat zur freien Auswahl in beliebiger Menge, Wein kommt ungefragt inbegriffen auf den Tisch, Dessert süss oder Käseplatte à discretion, wie es sich gehört, das für 12 € inklusive Kaffee. Schlafen kann man ebenfalls auf dem riesigen Parkplatz zwischen den 40-Tönnern oder, weinbeschwingt, auf der windigen, übersichtlichen, fast geraden Strecke weiter gen Süden hinunter blochen – bald schon kommt dann der Midi, wo die Coopératives vinicole an den Dorfeinfahrten mit Wein ab Schlauch für 3 €/Liter locken… Nichts wie hin! Leere Kanister hat man am besten immer dabei!!
Tja, und so voll gefressen und der Siesta willige Beute ist es kein Wunder, lässt der Franzose die Französin in Ruhe den schönen Sarkozys huldigen, denen nur ein paar ewige Meckerer wie rue89.com immer wieder am Zeug flicken, so etwa mit einer kritischen Recherche über die dubiose Universitätskarriere des Jungen, die die wenigen Lorbeeren brutal in der Luft zerfetzt und so den Eindruck erweckt, wir würden dann bald einen 23-jährigen Minimalisten und Schwätzer an einen ganz wichtigen Posten der französischen Wirtschaft geschoben sehen. Den Papa vorher listigerweise frei machte, indem er den jetzigen Amtsinhaber unvermittelt einer Altersguillotine unterstellt hat, heisst es. Wohlgemerkt: Es geht um Europas grösste Bürostadt, um den Vorsitz in deren Entwicklungs- und Planungsbehörde!!!
Wie gesagt, Blogger’s Paradise. Deshalb gibt es in Frankreich auch mehrere Blogs, die sich ausschliesslich dem Tag-für-Tag Sarkozys widmen. In meiner Blogroll könnt ihr schon lange Les coulisses de Sarkofrance finden, unter Neu nun auch Sarkofrance, den Unterschied zwischen beiden lest ihr hier. Eine wahre Fundgrube ist auch die Website der Zeitschrift Bakchich und vor allem deren TV-Kanal bakchich.tv. Weniger frech, aber ausgiebig ist auch die französische Ausgabe des Videokanals Daily Motion.
Ich hab’s ja gesagt – nimm dir Zeit, ein Stündlein oder zwei. Ich lasse euch jetzt wahrscheinlich auch ein paar Tage in Ruhe, damit ihr den Links folgen und euch so richtig rhizomatisch vertöhrlen könnt – au revoir, à bientôt. Und wenn ihr mal nach Sète hinunter fahrt und noch einen gut gesicherten Platz frei habt – meldet euch bei:
le frère Bernard