Ist die ganze Blogsphäre wirklich so naiv und blauäugig? Oder haben wir es ganz einfach mit einer Ansammlung von Je-m’en-foutisten zu tun?
Gestern habe ich bereits auf das kleine reizende Gadget hingewiesen, das sich auf manchem Blog findet und anzeigt, woher sie kommen, wohin sie gehen, die Leser. Feedjit. Was man damit machen kann, steht hier in meinem Kommentar an Dr. Bugsierer: die Beweisführung, dass in bestimmten Fällen User identifiziert werden können. Dass man sich sogar quasi vor das Eingangstor des Blogs stellen kann und mit einem Skript jegliches Kommen und Gehen auf dem Blog mitschreiben kann.
Eines steht fest: Es gibt überhaupt keinen Grund, einem allfälligen Gegner unnötige Informationen zu liefern. Und ein allfälliger Gegner könnte z.B. eine Firma sein, die am Pranger steht, über die gebloggt wird. Da möchte mancher Leser oder gar Kommentator seine Anonymität lieber einmal zuviel als einmal zuwenig gesichert wissen!
In Bloggers feuchten Träumen kommt ja immer mal wieder der Whistle Blower vor, der Firmeninterna verrät und den Blog munitioniert. Dazu dient dann ein Link auf dem Blog, der anonyme Informanten einladen soll. Wenn der Blog aber auf einen fremden Server zugreift und dort die IP-Adresse, das Betriebssystem, den verwendeten Browser fortlaufend mitschreibt – dann ist das in der Regel ganz harmlos. Muss aber nicht!
Einige Dinge, die nicht harmlos sind:
- es könnte mal darauf geklagt werden, die Logs herauszugeben.
- die Firma wird verkauft, die Daten fallen an den neuen Besitzer – der es vielleicht sogar gerade darauf abgesehen haben könnte
- wie oben gesagt: es kann jemand identifiziert werden, was nachteilige Konsequenzen für Angestellte und auch Freiberufliche haben kann
Beim ersten Punkt wird gerne eingewendet, dass, wer sich korrekt verhält, sich vor den Logs nicht zu fürchten braucht. Kommt meistens von den Leuten, die ihr Privatleben hinter dicken Vorhängen verstecken. Der Zweite wird viel zu wenig bedacht. Das typische Beispiel dafür ist Hotmail.
Hotmail war in seinen Anfängen ein anonymer Mailservice, der Erste seiner Art. Noch nicht so lange ist’s her, da kostete Software noch ein kleines Vermögen – 2000 Franken für ein Desktop-Datenbanksystem wie Foxpro waren keine Seltenheit. Und da gabs Schlaumeier, die die fünf Originaldisketten (!) als günstige Kopie anboten – und all diese Mauscheleien liefen über Hotmail!
Und wem gehört heute Hotmail? In wessen Händen sind nun alle Daten der frühen Crackerszene? Hotmail gehört heute Microsoft, das ist ja allgemein bekannt ….
Datenschutz beginnt bei der Überlegung, welche Daten überhaupt gesammelt werden sollen oder dürfen. Wenn Daten einfach mal so angehäuft werden, ist das immer gefährlich!!! Genau aus diesem Grund speichern Bibliotheken etwa das Leseverhalten ihrer Kunden nicht, löschen Ausleihdaten nach Rückgabe. Es wird immer damit gerechnet, dass unter anderen politischen Verhältnissen die einmal gesammelten Daten auch ausgewertet werden, in einer Weise, die der ursprüngliche Datensammler weder beabsichtigt noch bedacht hatte!
Das Prinzip Honigtopf wird von Serveradmins gerne eingesetzt, um gegen Spammer vorzugehen. Es gibt aber auch die Honigtöpfe, die es darauf anlegen, Benutzerdaten zu sammeln. Im anonymen Netz kann irgend jemand hinter einem super tollen Gratisangebot stehen: US-Dienste, Mafia, Abzocker, Naivlinge etc. Kürzlich habe ich von einem ernst zu nehmenden Admin gar gehört, eine bestimmte Suchmaschine, weniger gross als Google, sei ein Honigtopf… Vielleicht stimmt’s, vielleicht nicht. Es könnte jedenfalls zutreffen. Es wäre fast der einzige Grund, der ihr Überleben noch erklären könnte.
Noch ein Tipp für ganz Neugierige:In Windows das DOS-Fenster öffnen (cmd), dann den Browser öffnen, eine Internet-Adresse aufrufen, zum DOS-Fenster wechseln und dort eingeben:
netstat
(Enter nicht vergessen;-)
Bei jedem Wechsel zu einer neuen Adresse zum DOS-Fenster wechseln, den Befehl erneut eingeben. Es erscheint jeweils eine Liste mit den geöffneten Netzwerkverbindungen. Auch wenn man es nicht versteht: Man sieht, auf welche Server bzw. IP-Adresse zugegriffen wird. Und man sieht auch die ganz banale und trotzdem aufschlussreiche Information, wieviele unterschiedliche Server ins Spiel kommen. Mit einer Whois-Abfrage kann der Server dann identifiziert werden. 69.46.36.6 ist z.B. ein Feedjit-Server – er gehört verdächtigerweise zu einer ganz normalen gewinnorientierten Firma!!! Und er meldete sich beim Aufruf eines bekannten Schweizer Blogs.

Es gäbe sicher Tools, die diese Verästelungen auch grafisch darstellen, dann würde das ein bisschen eine Spinnennetzstruktur ergeben, keine gradlinige wie jetzt beispielsweise bei www.bruderbernhard.ch/latriperie, wo nur der Server des Hosters genotec.ch erscheint ….
Übrigens: Habe ich schon gesagt, dass ein grosser Teil der Blogs unter Google laufen? blogspot.com ist Google. Zu Google muss ich nichts mehr sagen. Ein noch grösserer Teil läuft auf Wordpress.com. Wissen wir, wem die Wordpress-Server morgen gehören? Naiv und blauäugig…
PS einen Tag später: Erst jetzt habe ich die Terms of Use von Feedjit gelesen. Der Hammer, was
da drin steht!!!