Der Trompete Fluch
Man kann den 60er Jahren Vieles ankreiden. Lasst mich mein Hirn kurz in den Random Access Modus schalten. So, gemacht.
Nehmen wir nur mal die Erhöhung eines reaktionären Krauteri wie Jean-Philippe Smet zum französischen Superstar aller Generationen, Johnny Hallyday. Man muss die Verwandlung ganz normaler französischer Kondukteure im Nachtzug nach Paris gesehen haben, die beim Anblick einer Gitarre im Reisegepäck ihre Uniform vergessen, sich ins Abteil setzen und eine gute halbe Stunde in den Erinnerungen an ihre Jugend als halbstarke Rocker sich ergehen können, deren Leitstern Johnny war und ist. Man muss die Läden gesehen haben, die es nicht nur in Frankreich allethalben, sondern sogar in der französischen Schweiz gibt, mit Namen wie “Johnny’s Paradise” – der Name ist Programm: voller Memorabilia, Devotionalia, Liturgica, geführt von schwärmerischen Rockerinnen jeglichen Alters. Smet-Hallyday, der seine Millionen mit den Plagiaten internationaler Hits für ausschliesslich den französischen Markt gemacht hat, und diese nun ausser Landes, nach Gstaad, geschafft hat. Und trotzdem bei den Franzosen einfach nichts falsch machen kann.
Oder stellen wir uns kurz diese ersten Gammler vor, wie dieser, der in seiner speckigen Armyjacke mir kleinem unschuldigen Knäblein gegenüber, anlässlich des Konzerts der Berner Lives im Bären Aegerten, hübsche Blondine neben sich, lautstark sich brüstet damit, dass er in diesem Saal schon Jede gehabt hätte! Solche Grüüsel, so viele Chancen!

Bald rutscht die Decke weg...Foto aus dem Film More (dt.: Gier nach Lust (hahaha)) von Schroeder und Pink Floyd
Da blieben den weniger Aufgeklärten nur die miesen Filme ohne ersichtliche Handlung, aber mit der dreifach abgestuften Nippelgarantie: im Relief, durch die Bluse bedeckt, oder brauner Fleck sichtbar, oder gar ganze Brust! Mit viel Glück war in einer Unterwasseraufnahme auch mal eine Schambehaarung zu erahnen… Die Handlung war meist etwas mit Drogen, Haschisch in Katmandu mit Gainsbourg, Heroin in Ibiza mit Barbet Schroeder Pink Floyd Mimsy Farmer, oder dann ging’s um Morde im Callgirl-Milieu. Oder auch um Revolution, diese Filme kamen ebenfalls meist mit Nippelgarantie. Mit Freude entsinne ich mich etwa des jugoslawischen Filmes über Wilhelm Reich, wo vögelnde Hippies Revolutionsparolen rezitierten – ganz köstlich.
Das alles ist wirklich schlimm und es gibt der Kreide kaum genug.
Aber das schlimmste sind die allgegenwärtigen Trompeter, die damals die Hitparaden vergifteten. “Il Silenzio” zum Beispiel machte sich in x Versionen breit, von Nino Rosso sowieso, aber auch von den Werner Müller Singers, und sicher auch vom schwedischen Trompeter Arno. Wieso ich jetzt da drauf komme? Ich bereite ja grad ein Riesenweihnachtsgeschenk für meine Radiohörer jeglichen Geschlechts vor und digitalisiere bei jeder Gelegenheit meiner Singles liebste. Und da drängt sich immer wieder so ein Trompeter dazwischen… Singles, diese kleinen Schallplatten, die man bei hoher Geschwindigkeit abspielt. Ich kann euch sagen, die Tonqualität selbst der verdrecktesten und zerkratztesten ist ziemlich unerreicht. Aber das werdet ihr ja dann merken, wenn ich dann ein paar Hundert Titel wieder auf meine Radiostation La Triperie lade.
Wenn ich Cover heraufladen könnte, täte ich für Herb Alpert, den coolen Trompeter, übrigens eine Ausnahme machen.

Herb Alpert And His Tijuana Brass And Their Wild Cover
Affaire à suivre, wie der Romand sagt. Affaire à écouter, wie ich sage.





Radio la Triperie:

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Kommentar von Brockhaus — 12. Oktober 2009 @ 22:48
Schon nur dieses Cover bringt mich dazu diese Single zu kaufen sobald sie mir über den Weg läuft.
Kommentar von Bruder Bernhard — 13. Oktober 2009 @ 15:21
@brockhaus: genau, absoluter Kauftipp – ist aber eine LP, d.h. das Bild ist so richtig schön gross.
Ich denke, die Billig-Cover aus den 70ern werden noch etwas unterschätzt. Davon sind die Flohmis noch voll:
Die hier würde ich alle noch gerne finden