Polanski: Freibrief für Sex mit 13jähriger
Die Aufregung um die Verhaftung Polanskis in Zürich ist zu Recht gross. Doch es müssen sich wohl die, die sich jetzt so wohlfeil entrüsten, bei der Nase nehmen.
Ich will die Geschichte nicht nochmals zusammen fassen. Die beste Darstellung habe ich natürlich in Le Temps gelesen, ist aber online nicht verfügbar (Jetzt abonniert euch endlich – gute Zeitung). Doch auch dort ist der Unterton derselbe, wie ihn Titus in der Augenreiberei heute darstellt.
- Polanski ist ein genialer Filmemacher und berühmter Künstler, mit einem grossen Werk
- er hat der Welt viel gegeben,
- er hatte ein schweres Schicksal
- es war einvernehmlicher Sex
- das Opfer war gar nicht mehr Jungfrau (!)
- es ist lange her
- das Opfer will selber nicht mehr, dass er verfolgt wird (weil es seiner Familie, Mann, Kindern, Mutter die Geschichte nicht mehr zumuten will, notabene)
- eventuell will die Schweiz wegen der UBS sich erkenntlich zeigen
Heisst das also, ein 43jähriger darf eine 13jährige während einer Photosession unter Drogen setzen und danach einvernehmlichen Sex mit ihr haben?
Ja, wenn das so ist – dann soll man das doch bitte so sagen, dann kann man auch drüber diskutieren. Aber nicht solches Geschwurbel ablassen wie es Redder hier von der Pressekonferenz schildert.
Polanski hat übrigens allen Grund, auf seine Umgebung und das Zürcher Filmfestival sauer zu sein. Hoffentlich ist er es. Er und seine Anwälte, die er doch sicher hat, wissen genau, dass er in den USA immer noch wegen dieser Geschichte gesucht wird. Sie wissen genau, dass der Haftbefehl 2005 gar auf die ganze Welt ausgedehnt worden ist. Kann mir bitte jemand erklären, warum dieses Kästchen nicht bei jeder Auslandreise Polanskis in der Checkliste abgehakt wird? Was sind das für Anwälte, und wie naiv ist Polanski selber? Nachdem noch in diesem Jahr sein Gesuch um Einstellung des Verfahrens von einem US-Richter abgeschmettert wurde mit der Begründung, solange er noch auf der Flucht sei, komme dies gar nicht in Frage.
Und wie unbeleckt sind die Schweizer Kulturgroupies, die ihn einladen in ein Land, welches seit Annahme der Initiative für die Unverjährbarkeit für pornographische Straftaten an Kindern durch seine Rechtsabkommen mit den USA verpflichtet ist, Polanski festzunehmen und auszuliefern? Ist denen das nicht mal am Rande in den Sinn gekommen? Ist doch klar, dass die grossartige Ankündigung seines Schweiz-Besuchs im Programm des Festivals die US-Behörden auf den Plan rufen würde. Mit welcher Begründung wohl hätte sich die Polizei rauswinden können, warum sie Polanski wieder nicht festnehmen konnten?
Es hätten mindestens juristische Abklärungen gemacht werden müssen, das wären seine Fans Polanski schuldig gewesen. Dass sie das nicht gemacht haben, das ist der eigentliche Skandal.
Traumtänzer – zuerst total versagen, dann rumheulen und wilde Verschwörungsgeschichten in die Welt setzen. Vischer: jetzt plustert er sich auf, aber auch er, Anwalt, der er ist, ist nicht darauf gekommen, dass Polanski Gefahr droht. Oder soll man annehmen, er hat weder vom Verfahren noch von der Einladung ans Filmfestival in seiner Stadt gewusst? Seinetwegen eigentlich müsste ich diesen Beitrag in der Rubrik ‘Kotzen’ ablegen – nach der Lektüre von ein paar anderen Reaktionen tu ich’s glaub wirklich.
Beschämend, eigentlich. Und Polanski: Bei solchen Freunden braucht er keine Feinde mehr.





Radio la Triperie:

>
Kommentar von Titus — 28. September 2009 @ 15:39
Huch, ich werde mit Le Temps gleichgesetzt? Was für eine Ehre…
Zu Vischers Aussagen: Was wären das denn für Strafverfolgungsbehörden, die zuerst in die Hände klatschen, damit die Vögel aufschrecken, um sie dann einzufangen?
Zum Punkt Verjährbarkeit kann Mara (wenn Sie hier mitliest) vielleicht weiterhelfen. Nach meinem gesunden Menschenverstand meine ich eher, dass keine «gesetzliche Polarität» zwischen den beiden Ländern bestehen müsse, damit das eine Land dem anderen einen mutmasslichen Straftäter ausliefert. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass wenn z. B. Polanski vor dem Bundesstrafgericht glaubhaft darlegen kann, dass ihm in den USA kein fairer Prozess droht, dass also die Menschenrechte nicht eingehalten würden, dass er dann nicht ausgeliefert würde. Aber eben, das ist nur Mutmassung.
Trackback von Net Blogs — 28. September 2009 @ 18:40
Die seltsame Geschichte um Roman Polanski…
Prominentenrabatt, Kinderschänder, vier verwickelte Staaten mit ihren teil sehr unterschiedlichen Rechtssystemen, eine über 30 Jahre zurückliegende Straftat – der Fall Roman Polanski hat in der Tat einges zu bieten…
Roman Polanski, weltweit b…
Pingback von Petition für Kindlivögler « La Triperie — 29. September 2009 @ 11:18
[...] der juristische Spielraum genau Null war, nachdem ein Rechtshilfebegehren aus den USA da war und die Deppen vom Zürcher Filmfestival in die ganze Welt hinausposaunt hatten, wann Polanski in Züric… Ich war bis heute noch nicht von der Krankheit des Politikerüberdrusses befallen – Typen wie [...]