Eingedeutscht
Manchmal muss man weggehen, um anzukommen. Diesen Satz konnte ich mir nicht verklemmen, er ist einfach zu gut gelungen
Ich heb ihn mir aber für später auf, wenn ich endlich meine esoterische Lebensberatung im Internet aufziehe.
Nun aber zur Sache:
(auf der Radierung von Gustav Doré: der imaginierte Ritter aus der Mancha inmitten seiner Schauerromane, welche sein Ganz Grosses Hobby sind – warum erinnert mich das Bild bloss an meine Bude?)
Manchmal muss ich deutsche Handbücher ins Französische übersetzen. Und komme immer wieder ins Stolpern bezüglich der dem Deutschen anhaftenden Substantivierung aller Aktivität – so wie etwa in just diesem Satz… So schreibt halt mancher, wenn er besonders präzise formulieren möchte. Und dabei einfach aneinanderreiht, ohne zu merken, welchen Knorz er hier veranstaltet. Beim Übersetzen dann, da tritt sie zu Tage, eine Schwerfälligkeit, eine Denkfaulheit, die sich um Verständlichkeit foutiert. Da, jetzt ertappe ich mich selbst in so einem Gestrüpp aus Substantiven, wie es nur im Deutschen wächst – gut, wenigstens wächst’s in Reih und Glied
Seit gestern weiss ich, woher dieses schlechte Deutsch kommt. Gestern kaufte ich mir die enthusiastisch besprochene neue Übersetzung des Don Quijote. Obwohl ich grad am Tag vorher den trockenen Vassili Grossmann mit grosser Begeisterung zu lesen begonnen hatte, blätterte ich neugierig im Cervantes – und blieb hängen. Ganz ehrlich, dieses Deutsch, dieser Satzbau: Der Perfekte Rythmus, liebe Übersetzerin Susanne Lange!!!
Um meine Begeisterung zu überprüfen, las ich einige Stellen in der bisher geltenden Übersetzung (Braunfels, über 150 Jahre alt, glaub ich). Und es ist absolut unglaublich, es ist frappant, ja ich gehe gar so weit zu sagen: Ich bin ehrlich erschüttert!!! Wie ist so etwas nur möglich???? Welch ein Mist wurde uns da von renommierten Klassikverlagen jahrzehntelang angedreht?
Ich will mal eine beliebig ausgewählte Stelle in beiden Versionen vorführen. Es wird beschrieben, wie er die abgevögelte Rüstung seiner Vorfahren vom Estrich holt:
“Als Erstes machte er sich daran, das Rüstzeug zu putzen, das seinen Urgrossvätern gehört hatte und rostig und stumpf seit grauen Zeiten vergessen in einem Winkel lag. Er säuberte und richtete es, so gut er konnte, doch fiel ihm ein grosser Mangel auf, da sich der Helm nicht geschlossen mit der Rüstung verband, sondern ein offener Birnhelm war: ein schmuckloser Morion. Doch mit Geschick wusste er Abhilfe zu schaffen. Er bastelte sich aus Pappwerk die fehlende Hälfte und brachte sie an der Birne an, so dass sie wie ein echter Visierhelm aussah.”
“Und das erste, was er vornahm, war die Reinigung von Rüstungsstücken, die seinen Urgrosseltern gehört hatten und die, von Rost angegriffen und mit Schimmel überzogen, seit langen Zeiten in einen Winkel hingeworfen und vergessen waren. Er reinigte sie und machte sie zurecht, so gut er nur immer konnte. Doch nun sah er, dass sie an einem grossen Mangel litten: es war nämlich kein Helm mit Visier dabei, sondern nur eine einfache Sturmhaube; aber dem half seine Erfindsamkeit ab, denn er machte aus Pappdeckel eine Art von Vorderhelm, der, in die Sturmhaube eingefügt, ihr den Anschein eines vollständigen Turnierhelms gab.”
Dieses Amtsstubendeutsch, diese verstiegenen Satzkonstruktionen – und gleich zu Anfang ein perfektes Beispiel, wie man einen grossen schönen Substantivhaufen setzt – das tut weh. Vor allem tut der Gedanke weh: Wie viele ungehobene Schätze liegen wohl noch in den durch solch eigenthümlich schwerfällige Eindeutschungen, ja gar schon fast Einpreussungen entstellten Klassikern begraben?
PS: Die Auflösung des Bilderrätsels folgt – aber das hier musste jetzt dringend sein….
PPS: Cervantes, Don Quijote, dtv klassik Dünndruckausgabe, Ill. Grandville, für Forschungszwecke gratis abzugeben.
PPPS: Don Quijote von der Mancha, neu übersetzt von Susanne Lange, 2 Bde, Hanser





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Kommentar von nnier — 1. Januar 2009 @ 23:25
Das nennt man wohl frappant. Ich kenne den Don Quixote ja nur aus Walt Disnesy’s Lustigen Taschenbüchern, Donald auf einem Esel usw., aber dieses Stück Neuübersetzung macht ernsthaft Lust aufs Lesen!