Lob der Ersten Klasse
Behinderte haben es nicht leicht im Schweizer Berufsalltag. Das kann ich jetzt aus eigener Erfahrung bestätigen, nachdem ich seit gut drei Wochen an Krücken unterwegs bin, am Schienbein eine externe Schiene (’fixateur externe’ in der Fachsprache), die mir bei einem Sturz oder einem starken Gingg wohl den Knochen zerreissen würde. Um die Pendler zur Vorsicht zu mahnen, habe ich die Schiene, die mit sechs Schrauben direkt ins Fleisch und von dort in den Knochen schneidet, Anfangs extra offen getragen – in der Hoffnung, ich würde so von Rücksichtsnahme profitieren können.
Was denkt Ihr? Hat’s wohl geklappt?
Die Ernüchterung ist gross. Zwar werden mir jetzt allerhand Leidensgeschichten anderer Kranken ungefragt ausführlich erzählt, das ist sicher nicht uninteressant. Aber Rücksichtnahme? Zum Glück habe ich das wehrhafte Gen der Schweizer Söldner des Mittelalters noch in mir, so fällt es mir leicht, mich etwa mittels meiner Krücken drängelnden Mitreisenden bemerkbar zu machen. Ich habe auch schon mal das Bein so offen zur Schau gestellt, dass ich im vollen Zug ein ganzes Abteil für mich alleine hatte – einfach darum, weil niemand sich zu mir setzen mochte. Ist der Zug aber schon voll, muss ich entweder auf ‘emanzipierter Invalide’ machen und explizit darum bitten, dass mir ein Platz frei gemacht wird, oder halt auf der Treppe sitzen. Ihr könnt das nicht wissen: Aber die Mehrheit der Pendler ist dazu übergegangen, sich bereits zur Einfahrt des Zuges auf dem Perron einzufinden und sich blitzartig einen Sitzplatz zu sichern – das über 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges!!!! Erinnert ein bisschen an die Handtuchkriege deutscher Urlauber am Swimming Pool.
Deshalb bin ich nun seit der letzten Fahrt dazu übergegangen, den Aufpreis für die Erste Klasse zu bezahlen. 25 statt 14 Franken. Und ich kann euch einfach sagen: Paradiesisch. Da kann ich mein Bein bei Schmerzen strecken wie es mir behagt; ich kann im letzten Moment zusteigen, der für behinderte Personen reservierte Platz wird mir unaufgefordert frei gegeben, ich muss nur einen Blick darauf werfen; und bisher ist es auch noch nicht passiert, dass das Gegenüber Morgentoilette und Frühstück in den Zug verlegt hat, um zwanzig Minuten länger liegen bleiben zu können.
Deshalb plädiere ich gegen die Abschaffung der Ersten Klasse, wie sie immer mehr gefordert wird. Als Vertreter der Anstatt-Ökonomie* sage ich viel mehr: Gopf, du pendelst ja, also gibts Lohn, also zahl den Aufpreis oder schweig.
* zur Anstatt-Ökonomie hier später mehr
Und: Der Fairness eine Gasse. Deshalb, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Es gibt sie, die Rücksichtsvollen. Diesen danke ich von ganzem Herzen: Buschauffeure, Mitreisende, Verkäuferinnen, Kollegen natürlich sowieso.





Radio la Triperie:

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Kommentar von Titus — 31. August 2009 @ 02:58
Ich nehm’ mal an, Du sprichst von der Strecke Biel – Bern. Da gibt’s tatsächlich solche, die ziemlich zeitig drin sitzen…
Mir zahlt der Arbeitgeber ein GA 1. Klasse. Sie ist für mich zum zweitwichtigsten Arbeitsplatz geworden (1. zu Hause, 2. SBB, 3. Büro…). Und ich schätze den zusätzlichen Platz, den man einfach braucht, wenn man mehr als nur ein Buch lesen, etwas Musik hören oder eine Gratis-Zeitung lesen will (und wenn man nicht einen zweiten Sitzplatz wegen seinen Siebensachen belegen will).
Ebenso schätze ich den Stromanschluss und die Sicherheit, immer einen Sitzplatz zu haben (man zahlt ja eigentlich nur für den Transport in der jeweiligen Klasse, nicht für den Sitzplatz!). Für mich ist das nicht eine Klassen-Frage oder ein «Besserer-Status»-Frage. Kaum eingestiegen und am Arbeiten nehm’ ich die Umgebung eh nicht mehr wahr (ob das in der 2. Klasse auch so wäre, bezweifle ich eher). Und ich finde es richtig, für den Mehr-Platz auch mehr zu bezahlen.
Meinetwegen kann man die 1. Klasse auch abschaffen und stattdessen eine Arbeitsplatz-Klasse einführen, für welche man schlussendlich auch mehr bezahlen soll (weil mehr Leistung). Meinetwegen kann man auch eine Kino-Klasse mit Kurzfilmen oder eine Couchette-Klasse für Morgenmuffel und Lärmempfindliche usw. einführen… Im Endeffekt kommt’s immer aufs selbe raus, nämlich dass man für das Mehr auch mehr bezahlen soll. Ich betrachte daher die 1. Klasse schon lange nicht mehr als die Klasse für besser Gestellte oder besser Betuchte.
Deshalb würde ich auch widersprechen, dass es in der 1. Klasse um jeden Preis besser ist… Nur gelegentlich riecht es etwas teurer
)
Kommentar von zappadong — 31. August 2009 @ 13:15
Vielen Dank für diese Berichte, BB und Titus.
Seit zwei Monaten autolos, bin ich jetzt öfters im Zug unterwegs und als Proletenkind habe ich mich bis heute geweigert, in die Klasse der “Mehrbesseren” einzusteigen. Aber: Nach ein paar wirklich niederschmetternd frustrierenden Erlebnissen in der zweiten Klasse (grässlich riechendes Futter unter der Nase, Leute, die ihre Füsse aus den Schuhen würgen und auf das Polster neben mir legen, schmerzhaft sinnleere Konversationen am Handy, in aller Lautstärke den Mitreisenden aufgezwungen, Leute, die mir ihren Grümpel um die Ohren, Beine und andere Körperteile hauen, nicht zu überhörendes Geschepper aus schlechten Kopfhörern usw.) bin ich nun bereit für ein Anti-Aggressionstraining – oder die erste Klasse.
Trotzdem: Ich finde, einigermassen anständiges Benehmen und Rücksicht auf seine Mitreisenden sollte auch in der 2. Klasse möglich sein. Mehr bezahlen für etwas an und für sich Selbstverständliches ist doch ein ziemlicher harter Brocken, den es da zu schlucken gilt.
Kommentar von Bruder Bernhard — 31. August 2009 @ 13:41
@titus: ja, eigentlich müsste die Erste Klasse doch Arbeiterklasse heissen
– mit Bessergestellten hat sie wenig mehr zu tun, sie ist eher die Materialisierung des Slogans ‘Der Kluge reist im Zuge’
@zappadong: der Komfort in der Ersten Klasse ist in meinen Augen nicht selbstverständlich, und in gesunden Tagen reise ich auch gerne Zweiter oder im Ausland Dritter Klasse. Die Beinfreiheit muss ja auch bezahlt sein, da habe ich kein Problem mit einem Aufpreis. Aber schon klar, du redest vom Anstand gegen Bezahlung, sozusagen. Ich rate in Deinem Fall zum Anti-Aggro-Training – immerhin tönt deine Beschreibung nach “Das Leben, wie es leibt und lebt” – für eine Autorin doch eine wichtige Quelle?
Kommentar von Titus — 31. August 2009 @ 18:53
@ Zappadong
Ich schliesse mich dem Ratschlag von Bruder Bernhard an, denn wie ich schon schrieb, ist es in der 1. Klasse nicht zwingend besser. Wenn dann jemand in der 1. Klasse seine Füsse aus den Schuhe zwängt, würdest Du Dich nur noch mehr ärgern, weil Du doch nicht mehr bezahlen wolltest um dann das Gleiche geboten zu bekommen…
Ich vermute, dass auch durch die geringere Sitzzahl weniger «Konfliktpotential» vorhanden ist und dadurch mehr Ruhe herrscht. Das Risiko für belanglose Handy-Gespräche, als Beispiel, dürfte etwa gleich gross sein.
@ Bruder Bernhard
Gelegentlich zweifle ich an der Klugheit gewisser Reisenden in der 1. Klasse. Mehr Stutz ist ja nicht zwingend mit mehr Intelligenz geknüpft…