Bye Bye Piratenpartei
Ihr erinnert euch noch der Agitation per E-Mail, wo es vornehmlich darum ging, Mail für irgend einen guten Zweck an sein ganzes Adressbuch weiter zu verschicken. Da wurden ganze Regenwälder gerettet, Dissidenten aus den Gefängnissen rausgepaukt, gegen Prügelpolizisten demonstriert – und alles bequem per Mausklick, ohne grossen Aufwand, eigentlich sehr vorausschauend total altersheimkompatibel.
Nun, seit Facebook ist die E-Mail-Agitation wohl ausgestorben. Eine Facebook-Gruppe gründet sich rasch, und wer viele ‘Freunde’ angesammelt hat, kann mit einer guten Zustimmungsquote rechnen. Was dann prompt dazu führt, dass die facebook- und twittergläubigen Redaktionen einen aufgeregten Bericht über die Opposition der grossen Zahl im Internet verfassen. Dabei wissen insgeheim alle, dass dieser Klicksand eigentlich überhaupt nicht zählt, denn in politische Macht wird er sich kaum verwandeln. Diese Gruppen dienen den Machtpolitikern jeder Couleur bloss als Vorwand, als Nebelschleier, hinter der sie sich verstecken und ihr übliches Spielchen treiben können.
Ich erspare es mir, die Statistiken zu Bye Bye Billag zu suchen. Ihr habt ja auch Google. Aber ich muss ehrlich sagen, ich habe mich sehr gefreut, als ich im ungern hier verlinkten Miesnetz die Evaluation der Billag-Alternative las. Fazit: Es geht wohl nicht billiger als die Billag. Was weder erstaunlich noch wirklich neu ist. Bei dieser Klickitiative ging es sowieso nicht um Billag, es ging um die Abschaffung der Radio- und TV-Gebühren, Billag war bloss der Prügelknabe, der Vorwand, die Nebelkerze.
Aber was erzähle ich hier von der Billag? Ich will ja bloss kurz über diese neue Piratenpartei foutern. Wieder so eine Klick-dich-dabei-und-morgen-vergessen-Geschichte. Jetzt habe ich schon die Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat , die Autopartei, die Freiheitspartei und die Freien Bieler Bürger kommen und gehen sehen – diese Piraten allerdings werden nicht mal kommen. 124 Personen haben sich an die Gründungsversammlung bequemt – wetten, es werden Tausende mitklicken, aber das war’s dann wohl.
Ihr spürt meinen Ärger. Und seid darob sicher arg erstaunt. Schliesslich gehöre ich zu denen, welche dem Copyright nicht viel abgewinnen können. Dieser Blog ist deshalb auch frei davon (ganz unten steht’s). Ebenso halte ich es mit meinen sonstigen Produktionen. Dennoch: heute morgen hat es mich leicht geschüttelt. In den Nachrichten des Westschweizer Radios wurde eine Expertin der BBP (Bye Bye Piratenpartei
befragt, und was die nicht sehr eloquente Bloggerin da von sich gab, verdient nicht mal das Attribut ’schlicht’.
Ich mag da gar nicht gross darauf eingehen. Ich stelle bloss fest, dass eine Aufhebung der Urheberrechte, bloss weil ein Werk digitalisiert ist, überhaupt nicht einsichtig ist. “Eine Kopie eines digitalen Werkes nimmt ja das Werk nicht weg und ist insofern kein Diebstahl”….tztztztz….. geht’s noch pfäffischer?
Dann sollen sie doch wenigstens die gänzliche Abschaffung des Urheberrechts fordern. Ob ich da dabei wäre? Weiss ich nicht wirklich. Wieso ich da eventuell dabei wäre? Weil die Problematik des Urheberrechts nicht darin liegt, dass Geld für etwas verlangt wird, was man ja ebenso gut einfach kopieren kann. Nein. Die Problematik liegt vielmehr darin, dass heute Werke durch das Urheberrecht der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Das ist der eigentliche Skandal.
Ich erinnere an den Fall der Werke von Oskar Panizza. Hier hat die hinterbliebene Verwandtschaft jahrzehntelang jegliche Veröffentlichung hintertreiben können. Es war gänzlich unmöglich, eines der Bücher Panizzas in die Hand zu kriegen – ausser als Raubdruck. Lasst mich rasch ein Hohelied auf die Raubdrucke summen, wo harte Männer und Frauen die Bücher vergessener Sektierer wie Wilhelm Reich nachdruckten, da sie legal gar nicht erhältlich waren.
Erwähnen wir in diesem Zusammenhang kurz noch die Bootlegs: Illegale Veröffentlichungen von Bändern an der Plattenfirma vorbei, von Aufnahmen also, die nicht hätten erscheinen sollen. Etwa das obskure Album Reeds, Whistles And Sticks eines gewissen Anthony Moore: Aufnahmen von fallenden Stöckchen, die er 1972 seiner Plattenfirma Polydor übergab, um einen 3-LP-Vertrag zu erfüllen. Ist damals nie erschienen, kursierte aber jahrelang auf Kassette. Irgendwo schwimmt die noch in meinen Kisten rum. Auch hier unterbreche ich kurz und summe das Hohelied der Informationsfreiheit vor mich hin.
So, zurück im harten prosaischen Leben komme ich zum Schluss: Diese Piratenpartei ist sicher treffend benannt. Es geht hier ganz einfach darum, für Waren nichts bezahlen zu wollen. Mit dem Kampf für Informationsfreiheit hat sie sicher ganz und gar nichts zu tun. Billigheimer, eben.
Abstauber.
Bye Bye Piratenpartei.





Radio la Triperie:

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Kommentar von Raubritter — 13. Juli 2009 @ 15:24
hach ja… so fing es in Deutschland auch an.
Es geht eben nicht darum, nichts bezahlen zu müssen. Ich bin nicht komplett über die Piratenparte in der Schweiz Informiert. In Deutschland zumindest sind wir dabei zusammen mit Musikern ect. ein Konzept zu Entwickeln, dass für alle vernünftig ist. Jeder kann hier mitbestimmen und seine Ideen zu den Kulturflatrates und co. einbringen. Wir haben es das erste mal mit einer Demokratischeren Partei zu tun, bei der sich noch jeder Engagieren kann.
Ich denke, du hast den Unterschied zwischen einer Privatkopie und der verbreitung der Musik noch nicht 100% verstanden. Ob wir jetzt zuhause 1 CD rumliegen haben oder 2 sollte doch niemanden aus der Musikbranche stören. Oder doch? Sollte nämlich die erste CD kaputt gehen kann man sich immernoch die 2 anschauen. Eigentlich Praktisch. Oder nicht?
Du bist länger darauf eingegangen, dass man ja nur einmal schnell klickt die Partei aber schnell wieder vom Erdboden verschwindet. Meine Frage ist aber: kann eine Partei, wie die Schweidischen PIRATEN jetzt noch vom Erdboden verschwinden, wo sie doch 1-2 Plätze im Europäischen Parlament haben wird. Oder die Deutsche Partei über die in der Zeitung in letzter Zeit öfter geschrieben wird als über z.B. die Linken?
leider habe ich nicht alles von deinem Beitrag verstanden
Kommentar von R4mbo — 13. Juli 2009 @ 15:45
Hi!~
Sie urteilen wegen einer Bloggerin über eine ganze Partei?
MfG
R4mbo
Kommentar von Bruder Bernhard — 14. Juli 2009 @ 11:04
@R4mbo: ich urteile nicht wg. 1 bloggerin über eine ganze Partei. ihre aussage gibt wohl den teil des parteiprogramms wieder, den ich als abstauber-masche betrachte.
Kommentar von Bruder Bernhard — 14. Juli 2009 @ 11:09
@Raubritter: ach so, es geht nur um das herstellen von Privatkopien? Ja, da braucht man aber doch gar nicht downloaden? Und wieso geht es nur um digitale Werke?
Kommentar von Raubritter — 14. Juli 2009 @ 14:22
ein Punkt ist das legalisieren der Privatkopien.
ein weiterer Punkt ist die Überarbeitung des Urheberrechtes.
Was du jetzt mit downloaden willst verstehe ich nicht.
Im beispiel der Patente beispielsweise geht es nicht nur um die digitalen Werke…
Kommentar von Stephanie Booth — 14. Juli 2009 @ 15:34
Une précision: je ne suis pas affiliée au parti des pirates suisse et je ne les représente pas. Je ne suis pas “leur experte”.
Et oui, clairement, en 3.5 minutes de radio, difficile d’être très éloquent sur un sujet aussi complexe.
Kommentar von Titus — 20. Juli 2009 @ 01:39
Hmmm, ich fürchte, inhaltlich kann man der Piratenpartei nichts vorhalten. Auszug des Parteizwecks aus den Statuten (http://wiki.piraten-partei.ch/Statuten#Zweck):
«Zweck
1.Die Piratenpartei Schweiz hat zum Zweck die politischen Interessen ihrer Mitglieder (Piraten) zu vertreten und auf die politische Landschaft und Meinungsbildung Einfluss zu nehmen. Die Ziele der PPS umfassen insbesondere:
- den freien Zugang zu Wissen und Kultur zu fördern;
- den Schutz der Privatsphäre und die informationelle Selbstbestimmung der Bevölkerung zu stärken;
- die Bekämpfung von Medienverboten und Zensur;
- einen transparenten Staat zu fördern;
- die Einschränkung von schädlichen Monopolen;
- die Stärkung der Menschenrechte.
2.Die PPS will die Volksbildung in diesen Bereichen und die Teilnahme am demokratischen politischen Prozess fördern.»
Aber, ich stimme Dir durchaus zu, dass mich die bisherigen Auftritte auch nicht besonders überzeugten. Und, ja, es könnte durchaus nur eine Klick-dich-dabei-und-morgen-vergessen-Geschichte werden. So sind viele heutzutage: Keine Ausdauer mehr, kein Durchhaltewille mehr
Wo’s nicht stimmt, ist bei allen anderen Themen, also bei jenen, die oben nicht aufgelistet sind. Ich weiss nicht, wer wirklich keine Partei wählt, die gerade einmal ein so kleines Spektrum unseres Alltages abdeckt (es gibt ja immer noch eine Offline-Welt, oder?). Ich hätte es für sinnvoller gehalten, wenn es sich einfach nur um eine «Bewegung», un mouvement, handelt, welches den regelmässigen Kontakt, Informations- und Gedankenaustausch zu Bundesbern sucht. Denn in einem Punkt haben sie recht: Viel Kompetenz bezüglich digitaler Welt scheint’s in «Bern» nicht zu haben…
Kommentar von Bruder Bernhard — 20. Juli 2009 @ 12:40
@titus: ich kann einfach diese ‘Partei’ nicht ernst nehmen. Die Ziele sind ein unverbindlicher Wunschzettel, nach dem Motto geschrieben ‘Wir können ja nicht einfach nur gratis Downloads fordern, hat also noch jemand eine Idee?’
Dass Politiker eher wenig Ahnung vom Alltagsleben haben, das ist auch meine Meinung. dies trifft aber genauso auch auf die Piraten zu. Sie bezeichnen sich ja selber als Verfechter von Teilinteressen.
@markus: das musst du max küng fragen. ich würde es so machen: skalpell kaufen, vom kopf her den gräten entlang schneiden. aber dann roh aus dem zitronensaft? da kann ich verzichten.