Am liebsten Französisch II
Martin Kall heisst der Killer meines Lobgesangs. Der Mann, der weiss, wie man streicht und kürzt und zusammenlegt und abbaut, der Mann, der nur noch Kosten kennt, keine Kunden, der Mann, der ebenso gut Ski wie Zeitungen verkaufen könnte. Aber da jetzt Sommer ist, verkauft er eben Zeitungen.
Kall und Konsorten sparen momentan die deutschschweizer Presselandschaft kaputt. Lest alles darüber bei ugugu vom journalistenschredder, Chronist des Grauens, Mahner in der Wüste, Finger in der Wunde.
Ursprünglich war dieser Beitrag gedacht als Loblied auf die französischsprachige Presse aus der Romandie. Vor allem auf die Zeitung, die ich abonniert habe. Den Deutschschweizern wollte ich unter die Nase reiben, wie gut die Romands noch bedient werden. Ich wollte die gedruckte Ausgabe, die Kolumnisten, die Webseite loben. Ich wollte erwähnen, dass ich mich wirklich gut bedient fühle, und mich die 420 Franken jährlich überhaupt nicht schmerzen. Dass ich sogar mehr bezahlen würde. Ich hätte sogar angegeben, wie viel.
Aber unterdessen habe ich in die Hölle geschaut, in die Hölle der Kontroller und Erbsenzähler und politischen Illetristen, in die Hölle der Kalls und Konsorten. Und dabei erst ist mir aufgegangen: Verflucht, die haben ja kürzlich auch meine Zeitung gekauft!!! Und mein eigentlich schon geschriebenes detailliertes Lob würde grad die Streichliste der Zeitungskiller und Aktionärsvasallen von tamedia ergeben. Denn es sind genau die Sonderleistungen, die die Zeitung von der Konkurrenz abheben. Im Kall’schen Paralleluniversum: überflüssige Kosten.
Schade. Schade um die jetzt noch wirklich empfehlenswerte, scheints sogar profitable Zeitung. Schade um mich, dem sie täglich ein Lichtblick im kallgeschorenen Einerlei bietet. Schade um euch, ich hätt’ euch wirklich eine GUTE ZEITUNG gegönnt. Aber bis ihr euch an das Franz gewöhnt habt, ist sie vielleicht weg. Schade zu guter Letzt um die Zeitung und deren Journalisten und Kolumnisten und das ganze Backoffice. Denn wie man es auch dreht und wendet: Kall killt bald auch in der Westschweiz! Und es wird furchtbar sein.
Wetten dass?
Was sagen eigentlich die Politiker zum Verschwinden des Journalismus? Wieso nehmen die Leser das einfach so hin? Aber wahrscheinlich kriegt eben jedes Land die Presse, die es verdient. Wer am liebsten deppert in der Landschaft rumfährt, will auch nicht lesen.





Radio la Triperie:

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Kommentar von Bruder Bernhard — 10. Juni 2009 @ 12:06
auf dem eigenen Blog kommentieren? Ja, um die Links zu André Marty anzuhängen:
http://www.andremarty.com/index.php?/archives/310-Fired-II.html
http://www.andremarty.com/index.php?/archives/302-Bad,-very-bad-World-News.html
Unbedingt lesen, beide Beiträge, und in Tränen ausbrechen.
Kommentar von Frau Müller — 10. Juni 2009 @ 16:28
Es gibt derzeit wohl keine geeignetere Möglichkeit, sich unbeliebt zu machen, als die Empörung über die Entlassungen beim Tagi zu relativieren. Nun, so sei es denn. Man muss mich nicht mögen.
Die Auslandberichterstattung im Allgemeinen und die Nahost-Berichterstattung im Besonderen gehört gewiss nicht zu den Stärken des Tages-Anzeigers. Das Ausland-Ressort ist das schwächste Ressort dieses Blattes. Und die Nahost-Berichterstattung des Tagis ist eine der uninteressantesten überhaupt.
Oder wie es Kurt W. Zimmermann kürzlich formulierte (auch ihn muss man nicht mögen, aber wo er Recht hat, hat er Recht): «Die Könige unter den Abschreibern sind die Auslandskorrespondenten der Tageszeitungen. Im Gegensatz zu Journalisten in Inland, Wirtschaft und Sport verfügen sie über praktisch keine Primärquellen. Stattdessen schustern sie ihre Artikel im Büro oder auf der Sonnenterrasse aus den nationalen Zeitungen zusammen. Früher kopierten sie die gedruckten Exemplare, heute nutzen sie News-Sites und die Online-Ausgaben der Blätter.»
Diese lese ich aber aus Ländern, die mich beschäftigen, selbst täglich. Wenn’s dann im Tagi steht, ist es bereits kalter Kaffee. Ich kann mich auch nicht entsinnen, wann ich dort jemals eine kluge Analyse gelesen hätte.
Mich lässt vor allem die Kompetenz der Berichterstattung in Tränen ausbrechen. Nein, nicht nur was Israel anbetrifft. Auch was Brasilien und Argentinien angeht.
Über die Welt Bescheid zu wissen, ist für mich einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich Zeitungen lese. Der Tages-Anzeiger war für mich diesbezüglich nie eine Wissensquelle.
Kommentar von Bruder Bernhard — 10. Juni 2009 @ 18:08
@Frau Müller: Sie relativieren die Streichung der Korrespondentenstellen, die André Marty zusammengestellt hat. Nun weiss doch jeder: Wer durch ein Thema persönlich betroffen ist, hat an der Berichterstattung darüber immer etwas auszusetzen. Kommt hinzu, dass der Auslandteil einer Zeitung doch eher wenig Platz bietet. Darauf führe ich auch zurück, dass ein Korrespondentenbericht öfters einer Zusammenfassung gleich kommt. Lese ich etwa die Süddeutsche regelmässig, kann ich mir den Deutschlandkorrespondenten des TA sparen.
Aber eben: das gilt für Sie und für mich. Wer aber liest schon die lateinamerikanischen Zeitungen? Ich jedenfalls kann kein Spanisch. Ich brauche die Korrespondenten. Falls die Qualität mangelhaft ist, ist das ein Managementfehler und keinesfalls ein Grund, die Berichterstattung gleich ganz aufzugeben bzw. woanders abzuschreiben.
Die Entlassungen, deren Ausmass und die Umstände, bei gleichzeitig komfortablen Gewinnen für die Aktionärsfamilien, sind ein absoluter Skandal und ein Schlag ins Gesicht eines jeden Lesers. Ich finde es auch politisch unter aller Sau. Es ist Verrat an der Geschichte der demokratischen Presse der Schweiz.
Ich befürchte nach diesem Massaker das Schlimmste für die Westschweizer Presselandschaft, wo tamedia mitmischt. Auf deren Versprechen nach der Übernahme gebe ich überhaupt nichts mehr. ça va saigner…
Kommentar von Ugugu — 11. Juni 2009 @ 11:36
Ohne die Tagi-Korrespondenten santo subito sprechen zu wollen, Gott behüte, aber ich tendiere eher in die Richtung von Bruder Bernhard. Lohnt es sich denn für den freien Journalisten im fernen Tuvalu noch wirklich für mickrige 3000 Zeichen gross den investigativen Reporter rauszuhängen? Oder reichen 3000 Zeichen doch eher knapp für ein Pseudo-Update über die aktuellen politischen Ereignisse.
Keine Frage, sowas kann in Zukunft auch der sprachbegabte Newsdesker erledigen. Aber eben: Wer will das lesen? Genauso wie sich viele Schweizer Tageszeitungen in der Vergangenheit zu Provinzblättern gemausert haben, geht auch die aktuelle Sparrunde langfristig enorm an die Glaubwürdigkeitssubstanz.
Irgendwann sitzt der arme Newsdesker staunend vor den grossen Fragen helvetischer Aussenpolitik, hat aber keine Ahnung, wie er den Europäischen Integrationsprozess aus Schweizer Perspektive auch nur einigermassen sinnvoll einordnen soll. Denn Brüssel ist fern, der Produktionsdruck hoch und nicht mal die Ärsche vom «Guardian», der «Repubblica» und «ElPais» wissen was vernünftiges darüber zu berichten.
Achja, und Zimmi kann noch lange miesepetrig vom süssen Journileben unter Palmen träumen. Selbst als Verleger tätig, hat er sich längst der Allianz der Realitätsverweigerer angeschlossen. Denn die sieht wohl eher so aus: «Hilfe, wir brauchen 3000 Zeichen über das Calmy-Reisli nach Jerusalem! Oh, der Papst ist auch schon da. Berlusconi hat ein Techtelmechtel, prima – 1000 Zeichen!» So läuft das.
Kommentar von Frau Müller — 11. Juni 2009 @ 12:49
@ Bruder Bernhard: Nicht nur Sie und ich, sondern jeder der Erfahrungen im Ausland gemacht hat oder intensive Kontakte in einem Land pflegt, erwartet eine kompetente und hintergründige Berichterstattung. Für solche Eigenrecherchen, Reportagen, Hintergrundberichte und Kommentare braucht es aber hochqualifizierte Journalisten und an denen mangelt es teils im Ausland-Ressort im Tages-Anzeiger und anderswo. Kompetenz ist selten das ausschlaggebende Entscheidungskriterium für das Entsenden eines Korrespondenten. Ich will hier niemandem persönlich an den Karren fahren. Aber es ist doch eine Verarschung des Lesers/Zuschauers, was da teils an Dilettantismus und Inkompetenz geboten wird. Einige Korrespondenten sprechen ja nicht mal die Sprache des Landes, aus dem sie berichten. Sie müssen sich sogar noch die Zeitungen übersetzen lassen, die sie abschreiben. Wie sollen Journalisten die Pressemitteilungen, Statements und Sonntagsreden der ausländischen Politiker so überhaupt kontrollieren können? Mir ist ein Auslandskorrespondent bekannt, der vor seinem Arbeitsantritt noch nie einen Fuss in seine Berichterstattungsregion gesetzt hat. Darüber hinaus ist der Meinungsvielfalt und der Wissensvermittlung nicht förderlich, wenn nur ein einziger Korrespondent jahrelang aus einem bestimmten Gebiet für ein Medium berichtet. Dies sind nur einige der Defizite.
Wieso sollte man sich für den Erhalt solcher Defizite einsetzen?
Wenn man keine Mittel für sachkundige Auslandberichterstattung hat, wie sie die NZZ teils bietet, dann sollte man sie vielleicht wirklich ganz abschaffen, respektive sachkompetente Korrespondenten aus Deutschland (Süddeutsche, Faz) mitfinanzieren oder tiefgründig recherchierte Artikel von professionellen Freien vor Ort einkaufen.
Auch das Wort Massaker möchte ich relativieren. Die Journalisten haben es schon immer verstanden, ihre eigenen Anliegen medial auszuschlachten. Sie waren gerade im Rheintal, wie ich lesen konnte. Warum berichtet der Tagi mit keinem einzigen Wort über die dortigen Entlassungen, respektive die Kurzarbeit?
Sie fragen in Ihrem Beitrag: «Was sagen eigentlich die Politiker zum Verschwinden des Journalismus? Wieso nehmen die Leser das einfach so hin?»
Sonntagspredigten von Politikern sind verzichtbar. Und die Leser nehmen es nicht einfach so hin, sondern kündigen ihr Abo.
Entlassungen bei gleichzeitigem Gewinn der Aktionäre, unnütze Prestigebauten bei gleichzeitiger Gängelung des Personals, etc. finde ich hingegen auch schändlich. Und für die
Westschweizer Presselandschaft sehe ich auch schwarz. Diesbezüglich gehe ich mit Ihnen einig.
@ Ugugu: Treffend beschrieben! Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Welcher Tagi-Auslandskorrespondent hat denn bis anhin «den Europäischen Integrationsprozess aus Schweizer Perspektive” sachkompetent eingeordnet?
Und was ist der Unterschied, ob jemand aus Singapur aus über Pakistan berichtet oder vom Zürcher Newsdesk?
Ich bin zwar kein Fan von Erzähl-Journalismus, sondern ziehe eine gescheite Analyse vor, aber immerhin hat ein Korrespondent mal seinen Hintern bewegt und heute eine Reportage von 8000 Zeichen über die Gangs in Guatemala publiziert.
Kommentar von André — 17. Juni 2009 @ 18:33
@Frau Müller:
wohl etwas verspätet – sass halt zulange auf der Sonnenterrasse – aber dennoch nicht minder herzlich: Sollten Sie sich mal ein eigenes, und nicht ein abgeschriebenes, Bild der Korrespondenten-Realität machen wollen – herzlich willkommen. Mal sehen, wie’s Ihnen denn so zumute sein wird auf dem Weg nach Gaza, so von wegen “den Hintern bewegen” (wobei: wie akkreditieren wir Sie denn bei den Israeli, um eine der vielen Hürden zu nennen?). Auch ich möchte Ihnen nicht zu Nahe treten, wenn ich sage, dass Ihr pauschales zu Boden Schreiben einer ganzen Auslandsredaktion wohl etwas der Argumentation oder zumindest der konkreten Beispiele der Inkompetenz mangelt (und kommen Sie mir bitte nicht mit fehlender Sprachkompetenz, gell, sonndern inhaltlichen Fehlern). Und erlauben Sie mir doch auch daran zu erinnern, dass eine Tageszeitung wohl kaum den Leistungskatalog einer Fachpublikation zu erfüllen haben hat.
Und: Lesen Sie doch bitte ugugu’s Kommentar nochmals in Ruhe durch – mir scheint, der Gute weiss recht genau wovon er schreibt.
Also: wann darf ich Sie auf meiner Sonnenterrasse begrüssen, Frau Müller?
Herzliche Korrespondenten-Grüsse
Kommentar von Frau Müller — 18. Juni 2009 @ 14:01
@ André, haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihre Einladung. Wenn Sie mich kennen würden, dann wüssten Sie, dass mein Bild der Korrespondenten-Realität auf persönlicher Erfahrung beruht und mitnichten abgeschrieben ist. KWZs Beschreibung deckt sich lediglich mit meiner eigenen Wahrnehmung und meinem Erleben, weshalb ich ihn zitiert habe.
Wenn es hier um mich ginge, dann würde ich Ihnen auch erzählen, wohin ich meinen Hintern schon überall hin bewegt habe. Aber es geht nicht um mich, sondern um die Qualität der Auslandsberichterstattung des Tages-Anzeigers. Diese habe ich nicht pauschal in Grund und Boden geschrieben, sondern ich habe die Qualität der Berichterstattung gewisser Korrespondenten kritisiert. Nein, über inhaltliche Fehler führe ich nicht Buch, darum kann ich hier auch keine anführen. Es geht mir wie in meinem obigen Kommentar bereits dargelegt einerseits um die journalistische Ausrichtung der Berichterstattung (Einseitigkeit), sodann geht es um die Glaubwürdigkeit des Berichterstatters (mangelndes Hintergrundwissen) und schliesslich um die Arbeitsweise (mangelnde Eigenrecherchen).
Wie gesagt möchte ich hier nicht auf den Mann zielen und halte mich deshalb mit konkreten Vorhaltungen zurück. Das Problem liegt letztlich bei der Personalentscheidung.
Es ehrt Sie, dass Sie Ihre Kollegen auf der Tagi-Auslandsredaktion in Schutz nehmen. Für mich waren die besagten Korrespondenten nie Quelle des Wissens und der Meinungsbildung, deshalb werde ich sie auch nicht vermissen. Von Mensch zu Mensch tut es mir leid, dass sie die Stelle verloren haben.
Ich messe die Auslandsberichterstattung des Tages-Anzeigers auch nicht an Fachpublikationen, sondern an anderen Tageszeitungen wie der NZZ, der FAZ, der New York Times, des Guardian, etc. Einige der Korrespondenten des Tages-Anzeigers spielen nicht in dieser Liga, obwohl sie an denselben Orten stationiert sind.
Ich darf in Tel Aviv jeweils so viele Menschen besuchen, dass mir kaum Zeit bleiben wird, noch auf Ihrer Sonnenterrasse vorbeizuschauen. Dennoch: nochmals herzlichen Dank für die Einladung.
Kommentar von André — 18. Juni 2009 @ 21:48
@Frau Müller:
ui, heissen Sie am änd nicht frau müller und sind manchmal öppen in haifa bei der extended family zu besuch???
okay, will ihnen gerne glauben, dass sie unsereins an FAZ, NYT, Guardian messen – das will ich doch als kompliment aufnehmen. hat sich denn auch die geneigte leser- oder zuschauerschaft entsprechend verhalten, sprich: rechtzeitig diese qualitätsansprüche eingefordert?
ernüchternderweise geht übrigens auch bei der champions league des politischen journalismus zur zeit mächtig die post ab – guardian liegt im sterben, NYT auf ziemlich sicherem weg in die hände irgendwelcher immobilien- oder mobil-technik-investoren, faz dümpelt werbemässig ziemlich vor sich hin; mir schwant nichts gutes, gar nichts gutes.
so denn, melden sie sich für einen besuch auf der sonnenterrasse – solange es mich noch gibt