Junge, Asylanten, Störenfriede, Lumpenpack
Früher war das Rheintal das Armenhaus der Schweiz, Haupternährungsquelle der allgegenwärtige Ribelmais, der unterdessen zu den gefährdeten Arten zählt. Heute ist das Rheintal das Paradies der Häuslebauer, eine aufstrebende Region, sonnig, grün, saftig, ein echter Garten Eden. Ribelmais essen nur noch wenige, eher noch wird er getrunken. Sonnenbräu in Rebstein braut daraus ein hervorragendes Maisbier, eine lokale Spezialität, die man mit viel Glück in den Pickpay-Läden finden kann.
Dies ist mein Informationsstand, seit etwa fünf Jahren hatte ich ihn nicht mehr aktualisiert. Höchste Zeit also für ein Update.
Das Maisbier wird immer noch gebraut, gesehen habe ich es allerdings nie mehr ausserhalb der Region. Die Sonne scheint unverändert heiter im föhnigen Rheintal. Aufstrebend? Davon kann keine Rede mehr sein. Es ist nicht nur die lange geleugnete Wirtschaftskrise, die sich bemerkbar macht. Nein, die Gegend ist im Begriff, sich in einen Krieg der Stimmbürger gegen Kinder und Ausländer zu verstricken, der ihr auch als Wirtschaftsstandort den Garaus machen kann.
Beim Schulhaus in Rebstein hängt schon seit längerer Zeit ein Schild, welches die Nutzung an den Wochenenden und in den Abendstunden verbietet. Damit steht Rebstein nicht allein, viele Dörfer in der Schweiz finden nichts dabei, ihrer Jugend die Räume eng zu machen. Und die Jugend scheints nicht gross zu stören, das Schild wurde noch nie besprayt oder zerbeult. Brave Jugend.

Der Jugend enge Grenzen setzen: Öffnungszeiten der Sportplatzes in Rebstein
Weniger brav ist die Jugend im Städtchen Altstätten. Deshalb hat die Gemeinde nun ein schön gestaltetes Merkblatt ausgehängt, wo etwa von Littering, Spucken, Lärmen, Gruppenbildung, Drogen, Vandalismus, Diebstahl und anderem mehr abgeraten wird. Das Merkblatt soll an den neuralgischen Punkten ausgehängt werden, interpretiere ich das Communiqué richtig. Jugendzentren gehören nicht dazu, denn solche gibt es natürlich weit und breit keine. Der Link ‘Jugend’ auf der Webseite der Stadt Altstätten führt denn auch zum Eintrag “Keine Informationen verfügbar”. Man muss die ‘Jugend’ übrigens suchen: Zuerst auf der Startseite auf ‘Sicherheit’ klicken…. Wundert sich da jemand noch darüber, dass die Jugend den Erwachsenen Probleme bereitet?
Es könnte allerdings sein, dass das Merkblatt vor allem für das Wohnheim für Asylbewerber bestimmt ist. Die Regionalzeitung nennt diese Leute noch ganz volkstümlich ‘Asylanten’. Kein Wunder, dass die Bevölkerung der Gegend in der guten alten Igelstellung verharrt und die Fremden ganz allgemein scheel bis hässig angeschaut werden. Kein Wunder auch, dass die Gemeindeverwaltung dieses Wohnheim ausdrücklich in die Liste der neuralgischen Punkte aufnimmt.
Wie das Hightech-Valley so für auswärtige Spezialisten attraktiv werden soll, das fragen sich die Leute dort offenbar überhaupt nicht.
Brockenhaus Altstätten: ein grosses Lagerhaus, die ehemalige Landi, viel grüne Landschaften rundum. Stimmung: Samstag Nachmittag auf dem Land. Vor dem Eingang ein paar Plastikstühle, ein Plastiktisch. Regen dräut. Zwei Schwarze sitzen am Tisch, jung, fit, überflüssig, wie bestellt und nicht abgeholt. Drinnen ergehen sich Familien im Schnäppchengucking. Die schöne Frau an der Kasse berichtet einer Bekannten grade mit fahler, emotionsarmer und leicht abgelöschter Stimme über irgend ein Schicksal, was seit 35 Jahren baut und dass jetzt alles für nix ist. Als ich meinen Film bezahlen will, stelle ich fest, dass die Hülle leer ist. Schade, wäre ein toller Istvan Szabo gewesen, mit Armin ‘Mündchen’-Stahl. Oberst Redl.
Die schöne Frau meint, es sei halt wegen der Asylanten. Ob sie meint, einer habe halt den Film geklaut, oder ob sie meint, man müsse eben deshalb die Filme gesondert verwahren, weiss ich bis heute nicht. Ich will es gar nicht wissen. Ich sage ihr, sie solle sich bitte zusammen nehmen, wonach sie fahlt, sie sei dann im Fall keine Rassistin, sie arbeite mit Herzblut für diese Leute.
Wenn das so ist, dann möchte ich in dieser Gegend keinen Rassisten erleben.






Radio la Triperie:

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Kommentar von BodeständiX — 8. Juni 2009 @ 12:48
Immerhin mischt in dieser Gegend unsere Frau Zappadong die geistige Enge etwas auf.
Kommentar von Zappadong — 8. Juni 2009 @ 13:33
Ja, was kann man denn erwarten von einer Gegend, die Leute wie Jasmin Hutter hervorbringt und eine grosse Wählerschaft, die eine Frau wie Frau Hutter auch noch in den Nationalrat wählen.
(Einschub: Ich war gerade auf ihrer Webseite, weil ich gucken wollte, wo sie genau wohnt, und was sie auf ihrer HP über die Schule sagt, zeigt mir, dass sie seit Jahren keine Schule mehr von innen gesehen haben kann – dafür kann sie gut Parolen herunterleiern.)
So breit das Rheintal auch sein mag, viele Leute hier sind engstirnige Bergler geblieben. Leserbriefe vor Abstimmung wecken jeweils sämtliche Fluchtinstinkte.
Und trotzdem: Ich liebe das Rheintal. Das Licht, die Berge, den Rhein, ja, sogar die Menschen. Es ist ein ganz besonderer Schlag, oft freundlich und hilfsbereit, weit weg von der urbanen Schweiz, von der sich hier viele total abgehängt und nicht wahrgenommen vorkommen – wie also sollten wir auf Zuzüger aus dem Rest der Schweiz reagieren, die uns genau so fremd sind wie die Österreicher oder die Deutschen – wenn nicht gar noch fremder, denn Österreicher und Deutsche arbeiten hier als Grenzgänger, während die Leute aus der urbanen Schweiz bei uns als Fremde wahrgenommen werden. So was weckt den Trotz von uns engstirnigen Berglern. Da machen wir den Laden dicht oder schliessen zumindest die Fenster.
Mehr als einmal habe ich erlebt, wie sich Lehrkräfte bei uns beworben haben und dann auf die Frage, ob sie auch hierherziehen würden, ganz verständnislos geguckt haben. Nein, lieber bleiben sie in Zürich oder um Zürich und sprechen von pendeln zwischen den Welten. Wir sind zu sehr Provinz, zu weit weg vom Schuss, eine unbekannte Grösse. Sich auf uns einlassen? Lieber nicht!
Dabei haben wir (hier bei uns in Zappadong-Hausen):
- Ein sehr, sehr gutes, aktives Kleintheater
- Ein nicht so gutes Kino, aber immerhin eins mit vier Leinwänden
- Zwei Veranstalter, die sehr regelmässig Lesungen organisieren (mit zum Teil sehr bekannten Autoren)
- Jugendtreffs
- Jugendarbeiter
- Unzählige kleinere Kulturvereine, die kleine, aber sehr feine Programme auf die Beine stellen
- eine ganze Menge anderer Dinge, die mir jetzt gerade nicht einfallen
Wir sind also nicht zwischen tot und scheintot. Wer will, kann aktiv an ganz tollen Sachen teilnehmen. Wer genug Mut hat – und das haben nicht wenige – kann auch die nach aussen gezeigte Beschaulichkeit aufmischen. Lieber Hanspeter, ich bin längst nicht die Einzige, die das tut.
Bei uns im Rheintal prallen zwei Welten aufeinander. Die alte (jene der nur äusserlich jungen Frau Hutter) und eine neue. Diese neue wird noch nicht so ganz wahrgenommen, aber sie wächst wie Unkraut, das man auch nicht umbringen kann.
Ich bleibe optimistisch. Auch wenn ich manchmal brüllen könnte vor Ungeduld und Unverständnis.
Frau Zappadong
Kommentar von Bruder Bernhard — 8. Juni 2009 @ 14:50
@zappadong: was mich einfach etwas erstaunt hat: Das Tal will sich ja seit Jahren als Hightech-Standort positionieren. Eine politisch eher engmaschig denkende Bevölkerung steht aber der Ansiedlung neuer Firmen ganz bestimmt im Weg. Grad Firmen wie Google etc. kämen nie auf die Idee, sich in dieser wunderbaren Gegend niederzulassen. Ich selber, der die Landschaft und das Bier dort sehr liebe, käme nie auf die Idee, ich könnte dort leben. Es ist diese Behandlung der Fremden als halbwegs Ausserirdische, die für uns Ausserschweizer halt alles kaputt macht.
Deshalb hoffen wir alle, die Weltoffenheit werde früher oder später doch den Sieg davon tragen. Dazu müsste aber dort zu allererst mal etwas für die Jugend getan werden – etwas, was über die Pubs und andere Trinkanstalten hinaus geht. Aber nein, lieber werfen sie den Jungen noch Steine in den Weg. Dümmer geht nimmer.
Wir hoffen auf Zappadongs
Kommentar von Zappadong — 8. Juni 2009 @ 22:34
Tochter Zappadong hat den ganzen Beitrag gelesen (wobei sie sehr, sehr lange und ziemlich fassungslos bei diesem grün-roten Mitteilungsblatt verweilt hat). Dann meinte sie lakonisch: Wo er recht hat, hat er recht.
In Diepoldsau sind gemäss Tochter Zaps Aussagen Ansammlungen von mehr als drei Leuten auf dem Dorfplatz verboten. Vielleicht sollte man die Dorfväter darüber aufklären, wozu ein Dorfplatz da ist. Interessant wäre auch zu erfahren, ob diese Regel nur bei “bestimmten Bevölkerungsgruppen” angewendet wird oder ob auch schwatzende Hausfrauen wie die Tauben auf- und auseinandergeschreckt werden.
Kommentar von Bruder Bernhard — 9. Juni 2009 @ 10:30
@Zappadong: unglaublich – einfach ganz unglaublich. Dank und Gruss an Tochter Zap.