Dem Magazin eine Liste!
Das Wehklagen nimmt kein Ende: die zärtlich “Tagi” genannte Zürcher Zeitung verabschiedet sich aus der Zivilisation, so wie wir sie sehen. Und das zärtlich “Magi” genannte Magazin versinkt in der Beliebigkeit und im Geröll des Kurzfutters, gerne auch der Listen.
Besonders Ugugu und Frau Zappadong befinden sich seit Tagen, ja seit Wochen im Waldorf-und-Statler-Modus. Schön. Ich bin ein Waldorf-und-Statler-Fan! Bitte gebt uns endlich die gesammelten Werke der Muppet Show auf 50 DVD. Den Kaufpreis von geschätzten 780 Franken würde ich mir nötigenfalls auch als Fremdenführer verdienen. ‘Kultstätten der Nostalgie’ würde die Tour heissen.
Was ich den Fremden zeigen würde? Bitte mir zu folgen:
Hier stand bis vor kurzem das Warenhaus EPA mit seinen unübertroffen firmentreuen Verkäuferinnen. Gegenüber haben wir das Ex-ABM, ein genau so herzzerreissender Kram- und Ramschladen wie die EPA, bloss etwas teurer und langweiliger. Aber die Praliné waren besser. Ein paar Meter weiter, bitte, ja, hier an der Ecke, da konnte man vom Reissnagel bis zum Spaten alles finden, was in eine Eisenwarenhandlung passt. Und das ist nicht wenig, erst die Decke markiert das Limit. Was da nicht rein passt, packen der Besitzer, seine Frau und die Verkäuferinnen jeden Morgen auf das Trottoir (ist ein CH-Blog hier…): Die Laubrechen (nein, hat nichts mit Brechen zu tun), die Ofenrohre (die passen noch auf die fünf Stufen, die zum Eingang hinauf führen), das Kinderdreirad.
Gehen wir uns kurz ausruhen, die paar Stufen runter in die kleine Eckkneipe mit dem gemütlichen Kanonenofen, wo der Algerier immer noch 95 Rappen kostet – genau gleich wie der Barbera. Neben den Nüssli liegen noch die feinen Schoko-Cornets für nur 1.20, die in irgend einem Krachen nur für den Beizenbedarf hergestellt und in glänzendrotes oder -blaues Staniol einzeln von Hand eingerollt werden. Unschlagbar gut!
Doch wir, wir müssen weiter: Dort steht der Blick-Verkäufer in angeregter Unterhaltung mit dem Dienstmann, der bei der Familie des Bäckers die Koffer abholt, selbstverständlich mit Pferdegespann und Brügiwagen. Die müssen zum Bahnhof, denn die Bäckersfrau leistet sich mit den Kindern drei Wochen Ferien in Bad Ragaz. In dieser Zeit kommt die Schwägerin aus der armen Verwandtschaft im Welschland, um auszuhelfen. Doch der Dienstmann hat keine Eile, er zündet sich zunächst mal eine Toscanelli an und wendet sich dem Neuankömmling zu, Gaston, der den Express und La Suisse aus seiner grossen Ledertasche verkauft, die Schlagzeilen an den alten Kondukteurhut geheftet. Diesen steifen Hut hat Gaston auf einer seiner zahlreichen Reislein, die er Dritter Klasse durch die ganze Schweiz unternimmt, geschenkt bekommen. Vom Kondi, klar doch.
So – STOPPPP…. sonst komme ich noch mit dem Hufschmied im Dorfzentrum, gleich neben dem Schlachthof des Dorfmetzgers, mit dem Wulelädeli der Witwe Bolte, den verschüchterten Schulkindern, die täglich dem Abwart die Hand geben durften, der am Eingang zum Schulhaus respektheischend die Parade abnahm.
Drum sag ich’s noch ein mal: Vergesst doch diese Pfeifen dort in Zürich oben, die scheinbar noch nicht gehört haben, dass es siebenmal teurer ist, einen neuen Kunden zu gewinnen, als einen bestehenden zu behalten. Aber das haben die sicher schon gehört. Was also ist die Absicht? Die Absicht ist genau diese: Die wollen euch nicht mehr. Begreift das doch endlich. Die bestehenden Kunden müssen weg. Die schaden dem Ruf des Produkts.
Anders lässt sich diese ganz gezielte Demontage jahrzehntealter erfolgreicher Marken beim allerbesten Willen nicht erklären.
Wie Analyst im Heise-Forum seinerzeit erfolgreich immer wiederholte: Denkt mal drüber nach
PS: vermisst wird Analyst – das war noch ein Spass. Killed by blogs.




Radio la Triperie:

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Kommentar von zappadong — 2. Juni 2009 @ 13:31
Bei uns gab’s eine Disco (tiefste Schweizer Provinz), in der sich auch etwas ältere Damen (wie ich) ausgezeichnet amüsierten. Im Gegensatz zum Raum mit der Bum-bum-Technomusik war “unser” Räumli in dem Musik von den 20-ern des letzten Jahrhunderts bis zum neusten Popsong gespielt wurden, immer gerammelt voll und vor allem voller Leben und Gelächter. Denn: Unsereins stand nicht gelangweilt an der Seitenlinie und guckte verächtlich auf das kleine Häufchen Tanzfreudiger – unsereins stürzte sich mit Begeisterung in die Chuck Berry und Queen und allerlei andere Songs.
Warum ich das erzähle? Eines Tages fand ein neuer Manager, “unser” DJ müsse weg – und wir gleich mit ihm, damit aus “unserem” Räumli mit den provinziell sorglos Herumhüpfenden endlich auch was Cooles werde. Der neue DJ schaffte es problemlos, uns innerhalb von wenigen Wochen zu vergraueln. Nur: Es fanden sich keine Coolen für das neue coole Konzept und die Bude ging so was von hops. Die ganze. Für immer.
Kürzlich wurde versucht, ihr wieder Leben einzuhauchen. Zielpublikum war jenes, das sich damals im Räumli ausgetobt hatte. Aber das Zielpublikum wollte nicht mehr. Der ganze Schuppen mit seinen vier Tanzräumen und Tanzflächen steht wohl in alle Ewigkeiten leer.
Angefangen hat es damit, dass man die treusten Seelen vergrauelt hat. Vielleicht sollten die von Tamedia mal mit dem Betreiber des Schuppens reden.
PS: Mit den beiden Herren vom Balkon verglichen zu werden, ist eine Ehre.
Kommentar von ugugu — 2. Juni 2009 @ 14:07
Ich für meinen Part bleibe ebenfalls noch etwas auf Waldorf-und-Statler-Modus. Weniger aus nostalgischen Überlegungen, sondern eher aus der Überzeugung, dass die langsam aber sicher intellektuell trocken gelegte Leserschaft in der Deutschschweiz durchaus eine oder zwei ernsthafte Magazin-Alternativen verdient hätte. Damit meine ich nicht Alibiübungen à la «Zeit». Zwei Seiten CH-Politik pro Woche reichen mir nicht.
Kommentar von Titus — 2. Juni 2009 @ 14:19
@ Ugugu
Was, wenn’s das bald gäbe, aber nur online und ohne Print-Vorbelastung? Wäre sowas überlebensfähig?
Kommentar von ugugu — 2. Juni 2009 @ 14:57
Tja, darüber Rätselt eine ganze Branche. Und momentan sieht es nicht gerade danach aus, als ob ein Schweizer Verleger den Sprung ins kalte Wasser wagen würde. Andererseits wird einem dann auch wieder ganz trümmlig, wenn man so hört, was bislang allein ins Regionalverlegerprojekt “news1″ gesteckt wurde.
Kommentar von Bruder Bernhard — 2. Juni 2009 @ 15:13
@Waldorf und Statler: wie gesagt, bin Fan.
@titus: Ansätze gibt es doch schon – Peter Knechtli in Basel. Aber der Preis ist hoch: Arbeit rund um die Uhr, nie Ferien, und was die Existenz als prekärer Unternehmer alles so mit sich bringt. Hört man….
@ugugu: mich würde wirklich sehr interessieren, warum die Zürcher ihr jetziges Publikum vergraulen wollen. Denn das scheint doch Teil des Planes zu sein. Könnte allerdings sein, wie bei @zappadongs trendy Beizer, dass sie dort einfach den Bauch als Kompass benutzen.
Kommentar von Titus — 2. Juni 2009 @ 16:47
Mir ist das Beispiel von Peter Knechtli bekannt, trotzdem besten Dank für den Hinweis.
Und doch – ich erwarte keine Website, die alle Themenbereiche abdecken. Ugugu hat davon gesprochen, dass ihm zwei Seiten Schweizer Politik nicht reichen. Was, wenn sich nun zwei, drei erfahrene Journalisten zusammentun, die das Berner Polit-Millieu aus der Hosentasche kennen und gemeinsam eine Website über Schweizer Politik aufziehen?
An der dafür benötigten Technologie kann es nicht liegen. Kritisch sind die Einnahmen, denn von Luft alleine kann niemand leben. Doch ich bin überzeugt, dass wenn das Ganze gut und seriös rüberkommt, man auch bereit ist, wenigstens teilweise etwas dafür zu zahlen (nebst Werbeeinnahmen). Wäre ich ein entlassener Journalist auf dem Platz Bern, würde ich genau das versuchen…
Kommentar von Bruder Bernhard — 2. Juni 2009 @ 17:05
@titus: meine Rede! Aber dafür braucht es mehr als den vagen Berufswunsch ‘Journalist’ – und ich behaupte sogar, da liegt der Hund begraben. Zu wenig Speuz, zu bequem, zu viel Angestelltenmentalität.
Kommentar von zappadong — 2. Juni 2009 @ 19:03
Ich würde SOFORT für guten Content bezahlen – aber dann muss er wirklich gut sein.
Was ich mir wünsche: UNABHÄNGIGE, kritische Journalisten. Aber ob zwei oder drei Journalisten reichen? Titus, da bin ich skeptisch. Und ganz ehrlich: Ich will nationalen Content (Bern ist mir einfach zu weit weg). Es brauchte also ein grösseres Netzwerk.
Kommentar von Bruder Bernhard — 2. Juni 2009 @ 20:57
@Zappadong: Die Produktionsmittel stehen doch schon jetzt gratis zur Verfügung (’Druck’, ‘Vertrieb’) – arbeitslose Journalisten wird es bald auch einige geben. Mal sehen, was die draus machen. Sölle mol cho bzw. loslegen. Dann ergibt sich das ganze schon.
Wenn man es allerdings mit Reiheneinfamilienhaus oder Wohnen in Zürich Pensionskasse studierende Kinder Überstundenvergütung unter einen Hut bringen muss, dann ist natürlich nix zu wollen. Da sind die Dimensionen schlicht zu gross, die Schweiz zu klein, die paar Zahlungsversprechen zu wacklig. Es sei denn, jemand habe eine geniale Startup-Idee…
Kommentar von Titus — 3. Juni 2009 @ 01:17
@ Frau Zappadong
“Ich will nationalen Content”. Ja was ist denn Schweizer Politik? Kein nationaler Content? (habe ich da was falsch verstanden oder Du was falsch geschrieben?)
Idealerweise sind das mehrere Gruppen à 2 – 3 Journalisten, von denen u. U. jede eine andere Gewichtung vornimmt. Im gleichen Sinne wäre so etwas auch für andere Bereiche als Politik denkbar. Ich bin hier aber beim reinen Wunschdenken…
Kommentar von Bruder Bernhard — 3. Juni 2009 @ 11:50
@titus: in Frankreich gibt es ja seit ca. einem Jahr rue89.com. Niemand hätte erwartet, dass die so langen Schnauf haben. Aber es scheint zu funktionieren, und es ist BEEINDRUCKEND, was mit einer 10-Personen-Redaktion möglich ist. Sie finanzieren sich über Werbung und auch quer: Verkauf von Inhalt, Web-Consulting. Und die Leser werden zur Mitarbeit eingebunden.
Das wäre in der Schweiz auch möglich, davon bin ich überzeugt. Aber der Wille scheint ganz einfach zu fehlen. Dabei wäre das genau der Weg, den Couponschneidern bei den verbliebenen Verlagen Feuer unter den schlaffen Hintern zu legen. Denn von dort ist einfach überhaupt nichts mehr zu erwarten.