Was darf das Internet?
Draussen scheint die Sonne. Und ich Depp soll nichts besseres zu tun haben, als in meinem kühlen Käsekeller zu sitzen, um allerhand loszuwerden? Nein, das darf nicht sein.
Darum: lassen wir’s.
Aber irritiert bin ich deswegen immer noch. Welche Geisteshaltung verrät eine solche Überschrift “Was darf das Internet”? Aber vor allem: Welch mickriges Stilbewusstsein kann es zulassen, dass Die Zeit dieses Wochenende mit solch einem Klump riesengross aufmacht?
Ist das Internet etwa eine Person? Irgendwie verunglückt, diese Titelei. Hat etwas leicht dämonisierendes, wo doch Analyse gefragt wäre.
Und ich steige nun wieder aus meinem Käsekeller und gehe Pfingstochsen gucken. Die sind ja jetzt wieder alle unterwegs, die Kuh auf dem Beifahrersitz, auf der Suche nach …. ja, nach was eigentlich? Man müsste sie mal danach fragen…. Anstatt, so wie Le Matin Dimanche es tut, innert zweier Arbeitstage 500 Schweizer aufzutreiben, die in einer angeblich repräsentativen Umfrage zu 90% für die Wiedereinführung der Fichen plädieren. Dass die Umstände der Befragung nur in der Druckausgabe erscheinen, ist sicher nicht nur Irrtum oder Nachlässigkeit – so genau will man es höchstens im Kleingedruckten haben. In 8-Punkt-Schrift, in den Credits zu den Tortengrafiken versteckt.
Purer Zufall, dass ich gestern abend den Film “Connu de nos services” über die Fichierten im Welschland gesehen habe. Einer der Protagonisten erinnert sich seines Vaters, der ihm immer gesagt habe: “Mein Sohn, du wirst eines Tages den Sozialismus sehen”. Er hingegen könne heute seinem Sohn nur mitgeben, dass dieser eines Tages den Faschismus sehen würde… Übrigens würde über ein Drittel der meinungsbeumfragten 500 schon mal präventiv alle fichieren, die Probleme bereiten könnten. Erstaunliche Zahlen.
Zurück zu den Pfingstochsen und -Kühen:
Mir tun nur deren Kälblein leid, denen man strunzdumm die Lebensgrundlagen mit unnötiger und zeitvernichtender Mobilität versaut. Auch wenn das jetzt keine wahnsinnig neue Erkenntnis sein mag, sollte sie zwischendurch einfach wieder mal aufscheinen. Denn man vergisst ja so schnell, was gestern noch eine Riesendiskussion war.
Benzin bitte unheimlich viel teurer machen, lieber Gott. Es sollen nur noch die ganz ganz Reichen privat Auto fahren dürfen!!! Mein 100%iger Ernst. Sonst könnte es sein, dass der Faschismusprophet am Ende noch recht bekommt. Oder hat sich jemand schon mal vorgestellt, wie die Verwaltung des Mangels aussähe, tritt er eines Tages tatsächlich ein? Wie die Politik reagiert, wenn es nicht nur um das Überwälzen der Bankenverluste auf die gesamte Volkswirtschaft geht, sondern um noch nie gesehene Umwälzungen des täglichen Lebens? Wo die Demokratie bleibt? Ich empfehle die Filme des ausgewiesenen Experten George A. Romero!!!
PS: einen Tag nach diesem Posting klingelt mein Telefon. Die Nummer auf dem Display ist komischerweise meine eigene. Ein Defekt? Ich drücke den Anruf weg. Kurz danach ein SMS von der Combox. Die Nachricht ist zwei Tage vordatiert!!! Den Inhalt, unheimlich ist er, behalte ich mal für mich. Den richtigen Absender kann ich mit Hilfe meines Telefonproviders ausfindig machen: Es ist DAS INTERNET!!!
Telefonieren darf es offenbar ….
letztes Update 14:16





Radio la Triperie:

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Kommentar von Titus — 1. Juni 2009 @ 21:34
Ähm, ich hab’ da eine Bildungslücke: Ist denn das Strafregister schlussendlich nicht auch eine Form von Fichen? Worin liegt der Unterschied zu den angesprochenen Fichen gemäss Umfrage und dem Strafregister?
Kommentar von Bruder Bernhard — 2. Juni 2009 @ 09:45
@titus: Strafregister und Fichen sind meilenweit voneinander entfernt. Fichieren heisst: Es wird eine Datenbank angelegt, die über das Aufbewahren von Gerichtsurteilen hinausgeht. Und deren Einträge nicht gelöscht werden.
Es können also auch nur Verdachtsmomente eingetragen werden, Anwesenheiten zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort; wie sonst soll man Leute, die eventuell mal Probleme bereiten könnten, erfassen? Jeder Dritte Befragte soll dies gemäss den Befragern unterstützen.
Typische Boulevardmethode: Eine spektakuläre Umfrage ins Sonntagsblatt hieven, aber die wichtigen Details zur Umfrage verschweigen. Man möchte z.B. zu gerne wissen, wie denn die Fragen lauteten. Man würde zu gerne bei einer Befragung dabei gewesen sein, denn ich stutze über die Menge in dieser kurzen Zeit.
Ich weiss also immer noch nicht, ob ich das alles als heisse Luft abtun soll…
Kommentar von zappadong — 2. Juni 2009 @ 12:35
Fichieren heisst (fiktive Beispiele):
- Frau Z. hat die Armeeabschaffungsinitiative unterschrieben
- Frau Z. hat am Frauenstreiktag nicht gearbeitet
- Frau Z. war Mitglied der … Partei
- Frau Z. redet mit Punks
- Frau Z. weigert sich, Kundenkarten zu haben
- Frau Z. will keinen biometrischen Pass
Schlussfolgerung: Da ist etwas faul! Frau Z. ist eine heimliche Subversive, eine potentielle Staatfeindin.
Wer das lächerlich findet, sollte sich vielleicht etwas näher mit dem Fichenskandal auseinandersetzen.
PS: Eine Aussage anlässlich einer Diskussion am Wochenende (Thema biometrische Pässe): “So eine Datenbank ist doch gut für die Verbrechensbekämpfung. Da sind doch sowieso nur Leute dagegen, die Dreck am Stecken haben.”
PPS: Ich muss einfach – auch wenn ich schon mehrmals habe: BB, deine Blogeinträge sind erste Sahne!!!!!
Kommentar von Titus — 2. Juni 2009 @ 14:05
@ Bruder Bernhard / Frau Zappadong
Im Artikel online ist die Rede von “des criminels et des délinquants”, also von Kriminellen und Straftätern. Für beides braucht es nach meiner sprachlichen Auffassung irgendein Urteil, um sie so nennen zu dürfen. Alles andere sind allenfalls Verdächtige, also “des suspects” (hier können Sie endlich französisch lernen, Frau Zappadong
Ob die Befragten die Fragen wirklich in Eurem Sinne oben (Verdächtigungen, berechtigt oder auch nicht) verstanden haben ohne zu merken, dass es ja ohnehin schon ein Strafregister für Straftaten gibt?
Pingback von Vacances à Cornaux « La Triperie — 2. Juli 2009 @ 15:37
[...] Adriano Celentano soll Fussfetischist sein, hat mir übrigens gestern ganz zufälligerweise jemand beim Mittagessen im wunderbaren Bahnhöfli Mett erzählt! Ohne dass ich das Thema selber angeschnitten hätte. Was hat das wohl alles zu bedeuten? Ob mich wohl das Internet bald wieder anruft? [...]