Das Wort zum Wochenende
Im letzten Beitrag habe ich ein paar Auswüchse des Gesunden Volksempfindens in der Zeit des Kalten Krieges geschildert. Das Gesunde Volksempfinden hat nun, nach den Jahren des Geldverdienens und der Siegesfeiern, eindeutig ein Comeback. Kurz und prägnant: Es tauchen zunehmend die Rufe nach “Rübe ab” auf – auch in der abgeschwächten Form des “sofort Ausschaffen” oder “lebenslänglich hinter Gitter bis zum Lebensende”. Wie der Titel eines Bestsellers sinnig meinte: “Und die Bibel hat doch recht” – das scheinen heute immer mehr Leute zu glauben. Das biblische Motto “Auge um Auge” hat Konjunktur.
Am Rande dieses Themas findet im neuen Blog von Titus, der Augenreiberei, momentan eine interessante Debatte statt – auch unter juristischer Beteiligung, genau das macht sie ja so interessant.
Wer Lust hat, liest auch nach, was ein gewisser Peer Teuwsen über Steinbrück und das schlechte Gewissen der Schweizer in der Zeit zu sagen hat – gedruckt schien es mir länger, ist für die Stromausgabe ev. gekürzt.





Radio la Triperie:

>
Kommentar von fahnenfluechtling — 16. Mai 2009 @ 15:00
Bevor ich mich der Debatte im neuen Blog von Titus widme, muss ich hier noch was los werden.
“Das biblische Motto “Auge um Auge” hat Konjunktur.”
Die Bibel kennt dieses Motto nicht. Zumindest nicht so wie es allgemein hin verwendet wird.
“Eines der hartnäckigsten antijüdischen Vorurteile drückt sich in den Worten “Auge um Auge” aus. Mit dieser angeblich aus der Thora stammenden Formel wird Juden bis heute vorgeworfen, Rache sei das Prinzip ihres Verständnisses von Gerechtigkeit, ihr Gott sei – im Unterschied zum “christlichen” Gott – ein grausamer und rachsüchtiger Gott und Frieden mit dem Volk und Staat Israel deshalb niemals möglich.
Die Übersetzung “ajin tachat ajin” (21:24) als “Auge um Auge” ist vollkommen falsch. Sie widerspricht dem jüdischen Verständnis der Thora und ist meistens Ausdruck einer antisemitischen Grundeinstellung. Sie widerspiegelt häufig das Rechtsverständnis und die Rachsüchtigkeit der Person, welche die Thora falsch versteht und verurteilt.
“Ajin tachat ajin” bedeutet “Auge für Auge” und beinhaltet ein grundlegendes halachisches Prinzip, also des jüdischen Religionsgesetzes. Ein Mensch, der einem anderen Menschen eine Verletzung zugefügt hat, wird von der Thora verpflichtet, die Verletzung finanziell zu entschädigen. Unsere mündliche Thora (der Talmud) erklärt und diskutiert ausführlich (Bawa Kama, Kap. 8), dass diese finanzielle Entschädigung auf fünf Gebieten zu leisten ist: Schadenersatz, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Arbeitsausfallersatz und Schamgeld (wenn sich jemand geniert, mit einer körperlichen Verletzung sich öffentlich zu zeigen).
In keiner jüdischen Quelle ist die Rede davon, dass einem Menschen, der einem anderen – mit oder ohne Absicht – ein Auge ausgeschlagen hat, als Strafe dafür sein eigenes Auge ausgeschlagen werden soll.”
Kommentar von Bruder Bernhard — 17. Mai 2009 @ 10:04
@Fahnenflüchtling: Wenn schon zitieren, dann doch bitte mit Quellenangabe. Ich habe Deinen Kommentar trotzdem freigeschaltet, weil Du Dich hier mehrfach schon gemeldet hast, aber ich nie sicher war, ob Du Dich auf die Postings beziehst.
Zur Sache noch: Diese Antisemitismus-Keule ist einfach nur lächerlich, und ich habe sie auch ein wenig satt bis hier oben. Soviel ich weiss, beziehen sich allerhand Fundamentalisten auf die Bibel. Lasst es mich festhalten: Ob Jude, ob Araber, ob Mann, ob Frau, ob dies oder äis: Ich fühle mich frei von rassistisch-xenophoben-diskriminierenden Sentiments. Aber ich bin allergisch auf Selbstgerechtigkeit, wie sie sich eben im Fundamentalismus z.B. äussert.
Wer übrigens die Quelle kennen möchte: Es gibt deren mehrere.
Nachtrag: nach einem Ausflug zu Augenreiberei stelle ich dankbar fest: Wenigstens hast Du bei mir dein Zitat durch Anführungszeichen gekennzeichnet.
Kommentar von fahnenfluechtling — 17. Mai 2009 @ 21:43
Du hast absolut recht, ich muss mich strikter an das Zitieren halten. Zumal dies bei meinem Beruf, sowieso ein absolutes Muss ist.
Mit meinem Hinweis auf die Verwendung von “Auge um Auge”, wollte ich Dir keinesweg unterstellen, dass Du rassistisch-xenophobe Sentiments hägst.
Finde es nur schade, wenn dies immer und immer wieder falsch verwendet wird. Denn das muss nicht sein. Wenn man sich der Bibel bedient, dann doch bitte richtig.
Kommentar von Bruder Bernhard — 18. Mai 2009 @ 18:17
@fahnenfluechtling: die Bibel richtig gebrauchen? Wenn ich richtig verstanden habe, gibt es etwa ebensoviele Bibelinterpretationen wie Engel auf einer Nadelspitze multipliziert mit den Reichen ausserhalb von Nadelöhren.
Kommentar von fahnenfluechtling — 18. Mai 2009 @ 23:47
Natürlich gibt es zig Bibelinterpretationen. Zugleich gibt es zig Punkte, bei welchen zwischen Gelehrten und Experten aus verschiedenen Disziplinen ein Konsens herrscht. “Auge um Auge” ist einer davon. Das kann man annehmen oder ablehnen.
Das mit den Engel auf der Nadelspitze, erinnert mich an folgendes:
how many angel can dance on a pin?