Die Katzen des Muammar al-Gaddafi
Was haben wir uns auf dem Fussboden gerollt, als wir die Berichterstattung von Radio Suisse Romande hörten. Kurz vorher hatte Gaddafi gefordert, die Schweiz solle aufgelöst und ihre Regionen den Nachbarländern zugeschlagen werden. Was war das für ein Heulen und Zähneklappern hier im Lande.
Gaddafi hatte einige Wochen später seinen ersten Auftritt vor der UNO-Vollversammlung in New York. Die Schweizer hatten sich im Vorfeld schon gefragt, ob er wohl seine Forderung hier wiederholen würde.
Tja, und so war die erste Frage der Heimatredaktion von RSR1 an den UNO-Korrespondenten in New York, ob Gaddafi eben dies nun getan hätte. Dessen Antwort werde ich nie vergessen:
“Kadhafi a d’autres chats à fouetter à l’ONU”
Gaddafi hat an der UNO andere Katzen auszupeitschen. Die Vorstellung, der Raïs peitsche in einem Keller des UNO-Gebäudes in New York irgendwelche Strassenkater aus …. j’étais mort de rire.
Ah ja, die Übersetzung, für alle Fälle: Mit dieser stehenden Redewendung ist gemeint, man habe wichtigeres zu tun als….
Überhaupt konnte ich meinen französischen Wortschatz im Zusammenhang mit der Libyen-Affäre ziemlich aufpolieren. Jean Ziegler über die erste Reise von Bundespräsident Merz nach Tripoli, die in der Entschuldigung an die Familie Gaddafi gipfelte:
“Monsieur Merz s’est fait rouler dans la farine”
Nun aber mal ganz im Ernst. All das ist schon recht lange her. Mehrere Wochen sind vergangen. Die Familie Gaddafi hat ziemlich Wirbel gemacht in der Schweiz, ich zähle mal ihre Erfolge bisher auf:
- Bundespräsident Merz wurde vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben, sein politisches Schicksal scheint besiegelt
- Die Schweiz erschien als hektischer Ameisenhaufen, wo jeder gegen jeden schiesst, das Schicksal der Geiseln und der Verhandlungserfolg hinter der persönlichen Profilierung und dem politischen Mütchen, das zu kühlen ist, zurück tritt
- Kamerad Jean Ziegler, zu Beginn als grosser Libyenkenner, Freund der libyschen Bourgeoisie und einziger Schweizer mit Zugang zu Gaddafi dargestellt, scheint sich ziemlich blamiert zu haben
- der neue Bundesrat Didier Burkhalter wird noch vor Amtsantritt in ein schräges Licht gerückt, weil er eine Militäraktion zur Befreiung der Geiseln erwogen haben soll, was Libyen hinwiederum als Vorwand zur Festsetzung der Geiseln an einem unbekannten Ort nimmt; unterdessen sind sie ja zurück in der schweizer Botschaft, unfähig, das exterritoriale Gebiet zu verlassen
- die Genfer Kantonsregierung steht als Sauhaufen da, der eine Zeitung ungestraft Fotos aus der Akte Hannibal Gaddafi abdrucken lässt, und das erst noch auf dem Höhepunkt der diplomatischen Krise
- in das selbe Kapitel gehört auch das Outing der Boulevardpresse als politisch unverantwortliches Pack, wenn es nur der Auflagesteigerung dient. Das ist zwar nichts wirklich Neues, aber schockierend ist die politische Brandstifterei des Blick und der Tribune de Genève schon. Denn es geht hier auch um das Wohl zweier Geiseln… Die Zeuselei mit den photogeshopten Frisuren von Hannibal Gaddafi habe ich zum Beispiel überhaupt nicht lustig finden können; ich bin bestimmt nicht engmaschig, aber Satire war das nicht, sondern billigste Ranschmeisserei an eine vermutete Stimmung im sog. Volk – gehört eigentlich in meine selten gebrauchte Kategorie ‘Kotzen’!
- die Respektabilisierung politischer Gesundbeter wie des ehemaligen Bodyguard und heutigen SVP-Populisten Stéphane Valente, der unter dem Vorwand der bedingungslosen Unterstützung der Geiseln sein Steckenpferd, die Sozen-Jagd, hegt und pflegt
- in der Hoffnung, die letzten 2 Millimeter zu einer Freilassung der Geiseln zu überwinden, geben sich schweizer Intellektuelle zu im Nachhinein eher blamablen Briefen an “Monsieur le Guide de la Grande Révolution”, “Monsieur le Président”, “Monsieur Kadhafi”, “Monsieur Muammar Kadhafi, Guide de la Révolution libyenne” her – ganz vorsichtig, um ja kein weiteres Öl ins Feuer zu giessen – während der Stammtisch schäumt…
Und so freue ich mich nun doppelt und dreifach, dass heute in einer konzertierten Aktion einiger Blogger an den Kern der Auseinandersetzung erinnert wird.
Zwei Menschen sind seid über einem Jahr faktisch Gefangene der Familie Gaddafi, die sich ihrer bedient, um Rache an der Schweiz und dem Kanton Genf zu nehmen. Ganz ungeachtet des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Hintergrundes dieser zwei Menschen ist es völlig unannehmbar, dass sie Spielball einer herrschenden Familie in ihrer Auseinandersetzung mit der Schweiz bleiben.
Ich sage jetzt einfach: Die Familie Gaddafi hat ihre Rache gehabt, sie soll nun die Geiseln frei lassen.
An das Schicksal der beiden Geiseln erinnern heute auch die Blogs Die Kreide, Bobsmile, Zappadong, Thinkabout, Lupe, Augenreiberei





Radio la Triperie:

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Pingback von 487 Tage — 18. November 2009 @ 09:33
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Kommentar von Brockhaus — 18. November 2009 @ 19:47
Ich dachte beim lesen des Titels Sie meinen diese http://www.sueddeutsche.de/politik/428/494761/text/ Katzen….
Kommentar von Bruder Bernhard — 18. November 2009 @ 21:27
@brockhaus: war ausnahmsweise wirklich ohne doppelten boden und ohne zweideutige hintergedanken geschrieben