Schweizer Waffen töten täglich. Dem hat bisher noch niemand widersprochen. Täglich sterben 2000 Menschen in bewaffneten Konflikten. Nullkommasieben Prozent (0.7%) der Waffenlieferungen kommen aus der Schweiz. Von der Waffenindustrie leben in der Schweiz gemäss Angaben der Initiativgegner 10′000 Menschen.
10′000 Schweizer sind folglich am Tod von 14 Menschen täglich beteiligt.
Gibt es eine Alternative dazu? Offensichtlich. Die Initiative “Für ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten” verlangt einen Umbau der waffenexportierenden Industrie mit Bundeshilfe. Die Initianten reden von 500 Millionen Franken Bundeshilfe. Und es scheint mir nicht unbillig, dabei an die 60 Milliarden Bundeshilfe für die Banken zu denken, die innert kürzester Zeit, innert Rekordfrist gar aufgebracht wurden, es hätte es vorher angesichts des regelmässigen Spargejammers niemand für möglich gehalten. Dies war der Tatbeweis: Man muss nur wollen wollen.
Die Aussicht auf eine Schweiz, die mit Hirnschmalz statt mit libyschem Erdöl arbeitet, wie es der bürgerliche Grüne Bastien Girod fordert, ist verlockend. Auch wegen der Sicherheit der Arbeitsplätze – in zukunftsgerichteten Industrien arbeitet es sich einfach entspannter als in rückwärtsgewandten. Gestern lag die ‘Unternehmerzeitung‘ in meinem Postfach. Gratis. Danke. Und selbst die, politisch gewiss unverdächtig, titelt:
Grüne Technologien: Schweiz droht den Anschluss zu verpassen
Zum selben Schluss komme ich, wenn ich das Interview mit dem westschweizer Wirtschaftsgeografen Pierre Dessemontet im Tagesanzeiger lese. Es bleibt der Eindruck zurück, dass Investitionen in eine Mobilitätspolitik, die sich nicht im hilflosen Bau von neuen Autobahnen erschöpft, auch wirtschaftlich interessant sein und somit Arbeitsplätze schaffen könnten. Arbeitsplätze, die kreative Lösungen exportieren.
Stellt sich natürlich die Frage, ob es mich überhaupt etwas angeht, was und wie in der Schweiz produziert wird. Schliesslich ist dies Sache des Marktes, die Politik hat sich hier nicht einzumischen. Nun, diese Frage ist ja seit der Bankenkrise eindeutig beantwortet. Kaum ein Politiker ist der Meinung, man hätte bei der UBS nicht lenkend eingreifen sollen. Und die Meinung der Bevölkerung ist sowieso gemacht. Wer gegen überbordende Boni und Löhne sich ausspricht, spricht sich automatisch für ein Eingreifen der Politik in die Wirtschaft aus.
In einem offenen Brief kritisieren 70 Rechtsprofessoren die schweizerische Praxis der Kriegsmaterialausfuhr.
Den offenen Brief und dessen Zusammenfassung fand ich auf der Seite der Initianten, und es fällt schwer, deren Argumente einfach so wegzuwischen.
Es läuft auf eine ganz einfache Frage hinaus: Ist es legitim, dass Menschen wegen Arbeitsplätzen sterben? Und wieviel Tote pro Arbeitsplatz sind noch ok? Die Frage beantwortet sich von selbst, denke ich. Wenn man das Rechenbeispiel oben weiter führt, hat nach zwei Jahren jeder Arbeitsplatz einen Toten gekostet.
Ich habe im Übrigen die pessimistischen Zahlen der Initiativgegner genommen. Die Zahlen der Befürworter sind weit tiefer, die Anzahl Toter pro Arbeitsplatz dann entsprechend höher. Aber ist das wirklich wichtig? Jeder Tote ist ein Toter zu viel, das ist sowieso klar. Wichtig ist, dass es für die Zukunft der Schweiz grundsätzlich besser wäre, klug zu produzieren, und dass das möglich ist, zeigt ein Beispiel aus meinem Alltag.
Ich bin ja immer noch mit meinem ‘Fixateur externe’ unterwegs, ein Produkt der Hightech-Medizinalindustrie. Und habe deshalb erfahren, dass in unserer Region genau diese Produkte entwickelt und produziert werden. Ich bin nämlich oft auf meinen Fixateur angesprochen worden von Forschern, Entwicklern, Designer, Verkäufern – sie alle arbeiten in dieser Industrie. Als ich dann mal nachgefragt habe, wieso sich die Branche denn genau hier konzentriert, wurden mir die gut ausgebildeten und Präzisionsarbeit gewohnten ehemaligen Uhrenarbeiter als Grund genannt. Stimmt: Unsere Region war ja die Uhrenregion der Schweiz, in den 70er Jahren ist diese grossflächige Struktur praktisch zusammengebrochen. Das war schmerzhaft, viele mussten sich neu orientieren. Im Unterschied zu den Arbeitsplätzen, die jetzt in der Kriegsmaterialindustrie zur Debatte stehen, war da allerdings kein spezielles Förderprogramm des Bundes zur Hand, um die Neuorientierung zu ermöglichen.
Das Dilemma, vor dem die Kriegsmaterialindustrie steht, wird sinnigerweise auch durch den neuen Film “The Box” aufgegriffen. Wie steht’s mit Dir? Würdest Du den Knopf drücken?