Polanski: Eigengoal einer Kulturclique
Was ist eine Clique? Wenn wir uns unserer eigenen Cliquenbildung in der Jugend entsinnen: Man wird über gemeinsame Interessen zusammen geworfen, wählt sich die Einzelnen also nicht aus, man hat gemeinsame Ziele und zieht eine Grenze nach aussen. Der Einzelne sollte sich auch nicht ins Abseits manövrieren, deshalb kann man auch unter Umständen von Gruppendruck reden. Unter diesen Gesichtspunkten haben wir es bei der Filmszene Schweiz sicher mit einer Clique zu tun, einem System der gegenseitigen Abhängigkeiten von Einzelkämpfern, Firmchen und Grüppchen. Und, wenn man böse sein will, einem gewissen Gruppendruck zu einer angesagten Meinung.
Nachdem dies definiert wäre, zur Sache. In den letzten Tagen hat sich diese bisher eher vage wahrgenommene Clique erfolgreich in den eigenen Fuss geschossen. Der Höhepunkt war sicher die Sendung Glanz & Gloria des Schweizer Fernsehens, wo Schauspieler und Randfiguren mit unterirdischen Statements für Unglauben sorgten – Unglauben bei mir, dass man so dummdreist herumlafern kann, Unglauben auch, dass das Schweizer Fernsehen so etwas ins Programm hievt. Und damit eine ganze Branche blamiert.
Es gibt auch in der Kulturszene Leute, die nicht einfach ihrem Herdentrieb folgend reflexartig sich vor einen Mädchenschänder stellten, nur weil dieser ein geniales Werk geschaffen hat. So etwa der französische Regisseur Luc Besson, welcher zwar seine Bewunderung für Polanskis Werk ausdrückte, gleichzeitig aber sich gegen die Solidarität mit dessen privaten Höllen verwahrte: Er habe selber eine 13jährige Tochter…
In diesen Tagen hat sich ein tiefer Graben aufgetan zwischen Polanski-Verteidigern und der übrigen Öffentlichkeit. Man muss gar nicht in die Tiefen der notorischen Newsnetz-Populisten abtauchen – die Empörung ist ziemlich breit. Kein Wunder. Im Boulevardblatt Le Matin etwa gab die Chefredakteurin einer vorherrschenden Tendenz so Ausdruck:
“Cet homme-là a réalisé «Le pianiste» et l’on aurait aimé que les sept personnes qui dirigent ce pays s’en souviennent. Qu’il y en ait une, au moins, pour s’insurger. Pour oser dire que les sursauts tardifs de juridisme étroit et la servilité envers les Etats-Unis ne doivent pas l’emporter sur la reconnaissance du statut artistique. Qu’on ne met pas la culture sous mandat d’arrêt.”
Übersetzt: Dieser Mann hat Le pianiste gedreht und man würde sich wünschen, die sieben Personen die dieses Land regieren würden sich dessen entsinnen. Dass wenigstens eine sich wehren würde. Dagegen, dass die verspäteten Ausschläge eines engen Justizismus und die Servilität gegenüber den USA höher gewichtet werden als eine künstlerische Stellung. Man verhaftet die Kultur nicht.
Der letzte Satz bezieht sich natürlich auf die berühmte Äusserung De Gaulles, der in Bezug auf den demonstrierenden französischen Philosophen Jean-Paul Sartre gesagt haben soll: “Man verhaftet Voltaire nicht”. Mit Verlaub: Ariane Dayer, sind Sie noch bei Sinnen? Die Kommentare der Leser könnt ihr selber nachlesen, der Link führt zu ihrem Editorial und den Kommentaren.
Man muss auch ganz offen sagen, dass alle Argumente für Polanski an den Haaren herbei gezogen waren und eine Konzentration auf den eigenen Bauchnabel verrieten, die erschreckend ist. Schon nur die Idee, die Verhaftung sei eine Ohrfeige für die Kultur! Blocher hat man während seiner Amtszeit im Bundesrat immer wieder zu Recht vorgeworfen, das Prinzip der Gewaltentrennung zwischen Politik und Justiz zu verletzen. Die Verhaftung Polanskis ist eine Handlung der Justiz, nicht der Politik, und wer jetzt verlangt, die Justiz hätte die Politik informieren müssen, der macht sich mit Blocher gemein. Folgerichtig ist ja auch die SVP der Meinung, die Aktion sei nicht in Ordnung.
Die Erfahrung der letzten Tage zeigt nun leider eines: Die, welche unter der Politik der SVP so gelitten haben, sind im Ernstfall bereit, genau so wie diese zu handeln. Das ist schon mal sehr ernüchternd. Und noch etwas anderes ist dieser Tage passiert: Die angesprochene Clique hat der Kulturförderung möglicherweise einen gewaltigen Schaden beschert, denn würde heute über einen Kulturkredit etwa für Pro Helvetia abgestimmt, was meint ihr wohl, wie würde an der Urne entschieden? Es brauchte nur ein paar zügige Plakate, etwa: Kein Geld für Mädchenschänder, oder ein paar Originalzitate (das berüchtigte “Jugendsünde…”) mit dem Zusatz: Und diesen Leuten soll man Geld schenken?
Vielleicht aber braucht es nicht mal diese Demagogie, vielleicht ist das Geschirr schon so kaputt genug. Man muss nur mal schauen, welche Extremisten die Schändungsrelativierer aus Film, Presse und Blogsphäre bedienen – Wasser auf die Mühlen der Pädophilierelativierer auf dieser Sexseite, beispielsweise. Und die Rechte jubelt… Die werde ich hier nicht verlinken, gib mal in slug.ch den Suchbegriff ‘Polanski’ ein, eine üble Brühe schwappt da rum.
Kein Wunder: Wenn sogar angesehene Journalisten entweder nachweislich verdrehte Tatsachen in den Ring werfen, weltfremden Verschwörungstheorien huldigen oder zu ganz grotesken argumentarischen Volten Zuflucht nehmen, dann verludert die Debatte vollends.
Vielleicht wundern sich nun langsam Einige, wieso ich mich, als selber ganz hervorragender Künstler, über die Affäre dermassen aufrege, dass ich nun schon meinen dritten Beitrag zum Thema schreibe? Es ist ganz einfach: Ich ertrage Narren nicht freudig.













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