DISTINKTIONSGEWINN DURCH FREITAGSTASCHEN – ENTEIGNUNG VON TAMEDIA – EIN ALPTRAUM – DIE BESTEN SARDINENREZEPTE
Pierre Bourdieu war der französische Soziologe, der mit seiner Theorie des Distinktionsgewinns einen der wenigen Beststeller des Genres geschrieben hat. Und mir damals die Augen geöffnet hatte. Als ich es las.
Ungefähr ging es darum, dass der Drang nach Originalität einer der stärksten Treiber menschlichen Verhaltens ist; wenigstens in gewissen Schichten. Sich abheben durch einen besonders guten Geschmack, eine besonders originelle Meinung, durch die Musik, die Kleidung, die Haltung, die Freitagstasche - äh, sorry, die gab’s damals noch nicht. Aber es gab die französischen Neuen Philosophen, die niemand verstand, aber doch gerne im Mund führte. Item – keine Reminiszenzen an die Früh80er jetzt. Das war ja sowieso noch lange vor dem Krieg, weit weg.
“Eigentlich waren Freddie And The Dreamers viel besser als die Beatles, einfach nicht so bekannt, darum gingen sie vergessen” (Distinktionsgewinnler A)
Dem Max Küng mag ich es gönnen, dass er sich sein Leben als deutschschweizer Hohepriester des Distinktionsgewinns verdienen kann. Schliesslich arbeitet er mit seinen Beiträgen im Magazin seit Jahren an der Enteignung der Tamedia, und das findet gewiss meine Unterstützung: Eine Idee, ab ins Flugzeug, ein paar Seiten Geplauder mailen, fettes Honorar kassieren. Oder noch besser: Ein altes Auto kaufen, eine Seite Geplauder abliefern, fettes Honorar kassieren. Respekt!
Ich finde auch gut, dass er immer so praktisch tut in seinen Tipps für Distinktionsgewinnler. Er gibt immer an, wo der Mülleimer zu bestellen ist, der ein Leben lang hält und extra in Schweden für den Gebrauch in der Grossgastronomie und in Spitälern entwickelt worden ist.
Mein Alptraum: Ich bin in einer fremden Stadt, suche einen Schlafplatz ZwinkerZwinker und lande in einem Haushalt, eingerichtet nach Max Küng’s Einkaufsliste! Auf der Liste der möglichen Schrecknisse kommt das noch vor den gesammelten Werken von Züri West’n'Patent Ochsner (Platz 2) und Fussschmuck (Platz 3)…
Jetzt hat Max Küng also die ganz gute Idee gehabt, zum Ursprungsort meiner Lieblingssardinendosenmarke zu reisen. Und ganz viele Seiten nach Zürich zu mailen. Aber er hat es fertig gebracht, in seinem langen Geplauder kein einziges Sardinenrezept unterzubringen. Oder soll das etwa ein Rezept sein: Sardine filetieren, 24 Stunden in Zitrone einlegen, fertig. Rohe Sardinen essen? Da muss der Gute etwas falsch verstanden haben aus dem zahnlosen Mund des bestimmt authentisch gegerbten Beizers in Portugal.
Gut, ein Rezept findet sich am Schluss: Sardine grillen, mit Haut, Haar, Innereien, Kopf und Gräten. Und dann mit dem Sackmesser dahinter. Lest das selber, im Magazin. Bewusste Bosheit, übrigens, dass ich nicht nach Tamedia verlinke. Macht nichts: Ihr wisst jetzt sowieso schon das Wichtigste aus dem Artikel.
Die fehlenden richtigen Sardinentipps nun hier, aus Bruder Bernhard’s berühmter Küche.
- Sardinendosen kann man jahrelang aufbewahren. Vergiss das eingestanzte Datum. Wende sie aber alle 6 Monate. Ich habe mal beim Zügeln einen Schock solcher vergessener Dosen im Keller gefunden – sie waren absolut einwandfrei. Feinschmecker behaupten, durch die lange Lagerung werde die Sardine besser, weil sich die Gräten auflösen. Ah, ja: kauf Sardinen in Olivenöl, klar, möglichst die mit Haut und Gräten. Ohne sonstige Saucen!!!
- Sardinendosen werden am besten so angerichtet: Sardine aus dem Ölbad nehmen und mit viel Zwiebel und Tomate und lecker Zitrone anrichten. Rabenschwarzes Basler Brot von Anfang Woche in Würfel schneiden und darunter heben. Schwarzer Pfeffer. Salz. Kurz in den Kühlschrank. Das Brot darf nicht pflotschig werden!!! Mit Rotwein servieren: Ich empfehle momentan die Aktion Zweigelt bei landi.ch, die Flasche 3.95. Es darf auch Tischwein vom Italiener (Doppelliter, keine Etikette!) sein. Zum Strecken kann man auch gekochte Kartoffeln vom Vortag beimischen.
- Sardinen grillen: Grill richtig fest und nachhaltig einheizen. Aufgetaute Sardinen direkt aus der Packung auf den heissen Grill legen. Einmal wenden. Sie müssen ziemlich knusprig werden, sollen aber nicht verbrennen. Aufpassen also. Braucht Übung und Gefühl. Es ist nicht feige, die Sardinen vor dem Grillen zu waschen.
- Gegrillte Sardinen anrichten: Auf einer grossen flachen Platte, salzen und pfeffern, Zitronenschnitze dazu geben. Pampiges Weissbrot vom Italiener und der bereits erwähnte Doppelliter dazu.
- Gegrillte Sardinen essen: Man packt die Sardine am Schwanz, greift ihr an die Arschbacke und zieht die Fischhälfte vom Rückgrat ab. Das geht ganz einfach. Darauf achten, dass das Braune (Leber, Galle und was da alles sein mag) an den Gräten hängen bleibt. Das nicht essen! Den Kopf auch nicht.
- Alle anderen Sardinenrezepte, die man manchmal in Kochbüchern findet, sofort vergessen! Was sich nicht grillt, bleibt meist tranig.
Die besten Sardinen gibts tiefgefroren, da die Legende will, dass sie so praktisch noch fangfrisch auf den Tisch kommen. So haben sie auch die perfekte Grösse. Sie kosten ca. 16 Franken das Kilo, das reicht locker für 3-4 Personen. Aufpassen auf die Katzen in der Nachbarschaft: Die werden wahrscheinlich durchdrehen und den Garten belagern!
Ich jetzt auch, beim Durchlesen schon knurrts aus der Leibesmitte – und ausgerechnet heute habe ich nur so langweiliges wie Schweinsfilet im Kühlschrank. War halt beim Coop auf 50% reduziert. Zu dumm aber auch!!!!