Ich bin zwar ein grossartiger Musiker (wovon ihr euch bitte am 16. Januar in der Kunsthalle Basel an der Museumsnacht überzeugen wollt!!!), aber ohne echte formale Ausbildung. Deshalb kann ich auch nicht fundiert im musikwissenschaftlichen Sinne von meinen Hörerlebnissen schwärmen; unfundiert aber schon. Und das will ich nun mal tun.
Ihr kennt die neuste Marketingfalle der Musiklabels? Das Kassettenmoving? Als Afficionado aller Spiel- und Tonarten vergangener, aktueller und künftiger Musik kann ich ja mein Ohr nie voll genug kriegen; bei Laune in die Tonträgerbibliothek zu langen und einfach mal verschiedene Aufnahmen der Traviata nacheinander und durcheinander zu hören: wie werd’ ich das vermissen, sollte es einmal nicht mehr möglich sein.
Nun, da sich bei mir schon der Fussboden biegt unter der tonnenschweren Last der Vinylscheiben, bin ich auf den Kauf dieser kompakten CD-Koffer verfallen. Die historisierenden Zusammenstellungen, Anthologien, Gesamtaufnahmen – sie reizen mich immer wieder, sie türmen sich unterdessen in meinem Korridor (Korridore sind ja so was von unternutzt, dort passen locker beidseits Gestelle für CD und Bücher rein – die Mulde lässt grüssen
Freitag abend, mürbe nach einem langen Arbeitstag in Feindesland (dort wo sie Zürich leben), stund mir der Sinn nach simpler Barockmusik: karg instrumentiert, liedhafte Melodien, auf längst ausgestorbenen Instrumenten gespielt. Und so griff ich zunächst zu dieser meiner ersten Empfehlung: Der Box “50 Jahre Deutsche Harmonia Mundi” (DHM). Harmonia Mundi ist nicht nur ein Label, sondern faktisch ein Gütesiegel, welches etwa alle Aufnahmen von René Jacobs ziert. René Jacobs, der Countertenor-als-Dirigent, der mit der hässlichen Nerd-Brille und dem grauen Mopp auf dem Kopf, ist sicher der interessanteste Protagonist des geil gespielten Barock. Er vereinigt die eher trockene Akribie eines Harnoncourt mit dem schmissig Rockigen der furiosen italienischen und spanischen Vivaldi-Aufnahmen der jüngsten Zeit.
Müde und ausgelaugt, suchte ich mir aus den 50 CD der Box etwas Unaufdringliches raus, die Cellosuiten von Bach, die durch die Aufnahme von Pablo Casals so richtig berühmt geworden sind. Ich kann übrigens hier am Rande dessen Zug wärmsten empfehlen – in der Bar von Genf nach Barcelona und zurück, das hat schon was …. Hier spielt ein mir unbekannter Suzuki Hidemi – sachlich, ohne Pathos, unaufdringlich, sauber. Das alles merke ich aber erst, nachdem ich aus lauter Gwunder zu meinen zwei Cello-Boxen greife, die Teil einer Monsteredition russischer Aufnahmen aus den 40er bis 80er Jahren sind. Da wirkt Suzuki plötzlich etwas blutleer – aber das muss nicht gegen ihn sprechen, siehe nur Nicole Kidman, ein wandelndes Krankheitsbild und doch ausgesprochen attraktiv. Zudem sind ja noch 48 weitere CD in der Box enthalten, ausnahmslos Perlen, vieles kenn’ ich höchstens dem Namen nach oder aber überhaupt nicht. Nebst Vivaldi Monteverdi Bach Pergolesi Buxtehude Schütz Telemann sowie franz. Royalistenmusik (Lully, Rameau) und dem göttlichen Jan Dismas Zelenka (zusätzlich aufgewertet durch die grossartige Nancy Argenta – diese Stimme, dieser Name!!!) finden sich etwa Jean-Féry Rebel (1666 -1747) oder Roland de Lassus (1532-1594). Schöne Namen sind das, mit viel Sanctus und Agnus Dei in den Titeln, mehrheitsfähiger Barock mit Echtheitsanspruch, welcher sogar einem musikalischen Extremisten gefällt.
Aus Gwunder also greife ich zu den zwei Cellistenboxen der “Historical Russian Archives”. Bei dieser Serie handelt es sich ganz offensichtlich um die Initiative eines schlauen Kopfes, welcher nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sich Verwertungsrechte auf die Aufnahmen der volkseigenen Label gesichert hat. Bei Rostropovich finde ich unter den 10 CD eine Bach-Suite – zu wenig, um mich dabei aufzuhalten. Auf Daniel Shafran’s 7-CD-Box hingegen wurden vier der sechs Sonaten veröffentlicht, und ich staune: Der spielt das ganz anders als der lieblich-trockene Suzuki: Grob, auf knarrendem Holze sozusagen – eine wohl sehr persönliche Interpretation, nehme ich an, und eine echte Trouvaille!
Die Boxen Rostos und Shafrans geben einen attraktiven Überblick über die Musik für Cello, wobei der Schwerpunkt auf der Romantik liegt – scheint also doch etwas dran zu sein am Gemeinplatz von der Russischen Seele? Viel Unbekanntes sowjetischer Komponisten findet sich neben obskurem wie einem Henri Sauguet (um auch noch einen tollen Namen ins Spiel zu bingen äh bringen…)
Allen Boxen ist gemeinsam, dass sie viele selten gehörte Stücke russischer und romantischer Herkunft enthalten. Es sind praktisch alles Konzertaufnahmen, wozu die typischen Huster gehören wie der Lachsack zur Sitcom – sie stören nicht, sondern unterstreichen die wichtigen Stellen, dort die Pointe, hier die Stille. Ich wollte sie nicht missen!!! Ich habe grad mal kurz die Beige durchgeschaut, um hier eine abschliessende Gewichtung zu erlauben. Also: Die Pianisten- und Geiger-Boxen (von Richter, Bermann, Gilels etc. – Oistrakh, Kogan, Kremer) enthalten viel Kurzfutter, das typische Zugabenmaterial halt. Aber nicht nur. Und bei je 10 CD pro Box finden sich noch ganz viele Hauptwerke der Klavier- und Violinenliteratur. Einzig die Box David Oistrakh Violin Concertos ist praktisch frei von Leichtgewichtigem und in der Mischung von europäischer und russischer Musik, von Lalo, Beethoven, Glazunov und Taneyev, Miaskovsky und Stravinsky, ziemlich einzigartig.
Die Veröffentlichungswut von Brillant Classics bzw. Pipeline Music, welche diese Historic (manchmal: Historical) Russian Archives verantworten, macht auch vor den russischen Dirigenten nicht halt. Sie heissen Alexander Gauk, Evgeny Mravinsky, Yuri Temirkanov. Hatte ich vorher nie gehört, lohnen aber das Zuhören. Wieder: Einiges Kurzfutter, eine Ouvertüre hier, ein Entr’acte da. Aber auch viel noch nie Gehörtes, ein Heroic Poem eines Zhivotov oder das wunderbar benamste Dawn on Moskwa River von Mussorgsky.
Apropos Stravinsky: An seiner kürzlich erschienen Box Works of Igor Stravinsky habe ich immer noch ganz viel Freude. Ein Knüller: Das gesamte Werk, Opern, Lieder, Oratorien, Orchester,- Kammer- und Balletmusik, von ihm selber dirigiert!!! Nicht nur die Spannweite dieses Werks imponiert, nicht nur die Fülle, sondern die Modernität, welche hörbar in der Tradition wurzelt, wie Harmonia Mundi sie seit 50 Jahren pflegt.
Alle erwähnten Boxen gibts bei amazon.de oder zweitausendeins.de (letzterer ist fast immer deutlich günstiger, aber das Lager ist entsprechend kleiner). Und alle sind sie so verpackt, wie ich es liebe: Quadratische Schachteln bzw. im Falle DHM ein Würfel, welche die CD in einfachen Papphüllen mit knappen Infos enthalten. Dazu jeweils ein dünnes Booklet mit ein paar biographischen Angaben. Dies gibt einzelnen Beckmessern immer wieder Anlass zu Kritik. Dabei berücksichtigen diese Kritikaster nicht, dass diese Verabreichungsform platzsparend, kostengünstig und effizient ist. Denn eine Box kommt so auf rund 20 bis 30 Euro – he, dafür gibts im Normalfall grad eine Operngesamtaufnahme!
Übrigens, die Boxen, die noch produziert werden müssen: Bellini und Donizetti. Deren grösste Interpretin ist für mich Joan Sutherland, der sowieso schon lange eine eigene Box gewidmet werden müsste. Die Aufnahmen, welche ihr Mann Walter Legge für die Decca produziert hat, mit einem jungen Luciano Pavarotti an der Seite der Diva, sind allesamt nur mit dem Prädikat “Besonders göttlich” gültig bewertet.
Und die Boxen, die ich kürzlich erhalten habe (Puccini, Wagner) sind übrigens der totale Hammer!!! Empfehlung!!!! Dass der Zoll mich bei einem Einkaufspreis von 80 Franken noch mit 28 Franken (MWSt + Paketöffnungsgebühr) bestraft hat: Egal….
Links zu den Artikeln u.a.:
Russian Legends: enthält fast alle die russischen Archivaufnahmen von Brillant Classics
Wagner Live Bayreuth – alles grossartig!!!
50 Jahre Deutsche Harmonia Mundi
Der Stravinsky

Und noch ein Geheimtipp, zugreifen, so lange es die noch gibt: Sämtliche Klaviersonaten von Domenico Scarlatti, sehr gut aufgenommen, sehr gut gespielt – eine Zeit lang habe ich nur das gehört, jedes Stück ist anders, und es sind glaub 555 Stück…. Was mich nebst dem wirklich toll klingenden Cembalo so fasziniert, ist die Spielweise von Belder: Wenn es nicht so abschreckend wirkte, würde ich es mathematisch-analytisch nennen. Oder anders gesagt: Die musikalische Struktur wird richtiggehend blossgelegt, wie mit einem Skalpell, nur ohne Wehtat. Müsste jetzt das Notebook von den Knien nehmen, vom Fenster weg und nachschauen gehn, wieviel Sonaten – aber dann verlier ich vielleicht den WLAN-Zugang beim Nachbarn, ist eh schon eine wacklige Sache – also, drum, czüss mal. Ich geh jetzt Musik hören.
Aber vorher noch der Hinweis auf Callas: Obwohl ich unterdessen finde, sie tue manchmal des Guten fast zuviel, gehört ihre Box mit den kompletten Studioaufnahmen zu den ehernen Werten, will man dem Bel Canto so richtig frönen. Und vergesst die Nachfolgerinnen wie Bartoli, Gheorgiu, Netrebko mit ihrem öligen Villazon – die übertun es vor den empfindlicheren Mikrofonen unserer Tage, und das kommt einfach nicht gut, tut mir leid!!!
Gebt mir dafür mehr von Christine Schäfer!!!! Bitte!!!!! Und Dorothea Röschmann, Bernarda Fink!!!!! Hört euch die beiden mal in René Jacobs Aufnahmen an. Und: Lasst Leontyne Price wieder auferstehen!!!! Ihre grosse Zeit war in den 60er Jahren bei Karajan. Ja, macht die süsse tolle grandiose Karajan-Opernkassette billiger…. Dort beweist er, um wieviel besser als sein Ruf er eben doch ist.
Und wie mein Leibblatt “diapason” soeben vermeldet, ist eine Box “The Vivaldi Edition – Operas #01″ bei Naïve erschienen. 27 CD, bei Amazon noch sauteuer, laut Diapason sollte sie allerdings nur 150 Euro kosten. Vielleicht in Frankreich irgendwo? Diese Aufnahmen jedenfalls würden gar den doppelt so hohen Amazon-Preis lohnen – aber an sich langt’s, da Vivaldi mit der Zeit etwas Monotones hat, Juditha Triumphans mit Magdalena Kozena einzeln zu kaufen. Diese aber unbedingt.
Gemerkt? Ich will einfach verhindern, dass ihr im Weihnachtstrubel Mist zusammenkauft…. Wie diese “Best-Of”- oder “Alles von”-Kassetten (Mozart, Bach, Beethoven, was auch immer – meist ein grosser Haufen von im allerbesten Fall zweitklassigen Aufnahmen, im schlimmsten Fall totaler Mist, in irgendwelchen Stadttheatern in der osteuropäischen Pampa billig aufgenommen.) Vor allem letztere sind absolut grauenvoll. Merke: Wühlkisten vor der
Ex Libris oder sonstigen Buchhandelsketten
unbedingt meiden!!!