Saufen für den Lohn
Im Kapitalismus eine Beiz nach meinem Geschmack zu finden, ist sehr schwierig: Ich mags gern gross, üppig, deftig – und natürlich günstig, d.h. sog. ‘preiswert‘. Wenn du dich da auf die Restaurantführer verlässt, bist du aufgeschmissen. Im Kommunismus hatte ich in dieser Hinsicht keine Probleme: Der am stärksten durch Abgaswolken eingenebelte Gasthof war der Richtige, der Beste. Denn die Traktoristen der LPG und Kolchosen liessen ihren Motor grundsätzlich den ganzen Tag laufen, während des Mittagessens im Leergang das Gaspedal zusätzlich mit einer schweren Leninbüste blockiert- ihre Arbeitsleistung wurde nämlich am Benzinverbrauch gemessen!
Ist es Anekdote, Legende aus dem Kalten Krieg, abstrakter Witz? Tut nichts zur Sache. Es illustriert die Problematik einer gelenkten Wirtschaft. Massnahmen oder Direktiven von oben sind grundsätzlich dazu da, unterlaufen zu werden; wir sehen das bei uns. All die Schlaumeiereien, die jeder täglich einsetzt, um einen kleinen Vorteil für sich zu ergattern. Sogar, wenn die Schlaumeierei sich in letzter Konsequenz gegen den Schlaumeier selber richtet: Der Schnäppchentrieb ist einfach zu stark.
Du darfst jetzt den ersten Stein werfen….
Nun, von Kommunismus und Kapitalismus mag ich im Zusammenhang mit der Krise eigentlich gar nicht reden. Ich denke, das bringt uns nicht weiter. Ob wir aber von Verstaatlichung und Privatisierung reden sollen? Mal sehen….
Wovon man ganz sicher reden muss, das sind die Steuerungsprobleme des Wirtschaftssystems. Wenn wir die Wirtschaft als System begreifen, das sich ganz von alleine reguliert und steuert, ecken wir sicher nirgends an, stehen als Bewahrer der Freiheit da – ausser bei den Verlierern des Systems, der Milliarde Menschen, die einen täglichen Kampf ums Überleben, um etwas Essen und Wasser, um die Erfüllung der primitivsten Grundbedürfnisse führen müssen. Wie ihr wisst: Der Milliarde in Saus und Braus (wir) steht eine Milliarde am Rande des Grabes gegenüber…. Aber so erzliberal argumentiert heute glaube ich niemand mehr. Oder?
Übrigens, da fällt mir auf: Der lauteste Propagandist ungebremsten Wirtschaftens auf allen Kanälen, Dr. Thomas Held, der von der Thinktankstelle, dem man eine Zeit lang praktisch nicht entkommen konnte – wo ist der? Man hört wenig von ihm – auf meinen Kanälen sogar nichts, kommt er wenigstens noch am Fernsehen?
Der treffende Begriff
Ich rege mich immer auf, wenn Journalisten die verschleiernde Sprache von Politikern übernehmen, die “langue de bois”: reden sie von den USA, sagen sie “Amerika”; reden sie von Krise, sagen sie “Chance”; reden sie von der Börse, sagen sie “Fieber”. Kürzlich am Radio eine Diskussion über die aktuelle Krise: Da regnete es flächendeckend Begriffe aus Medizin und Meteorologie. Die Wirtschaft als Patient, die Krise als Krankheit, der Kurszerfall als Tsunami. Die Botschaft: Sowas kann einfach passieren, wie schlechtes Wetter, wie Krankheit.
Aber hier ist es tatsächlich richtig. Ich will dem zustimmen. Es ist genau so, wie die Politiker, die Banker, die Journalisten der bürgerlichen Zeitungen schreiben. Und, so wie kein Mensch annehmen wird, schlechtes Wetter und Krankheit könne ein für alle mal gebannt werden, so wird kein Mensch behaupten können, diese Krise sei nicht eine natürliche Krise des Systems. Insofern sind all die Propheten, die jetzt auftauchen und angeben, sie hätten das kommen sehen, sie hätten das vorausgesagt – hm, einfach Glückspilze. Denn das sagen linke Ökonomen, so lange ich mich entsinnen kann. Da war doch mal dieser Ernest Mandel, der trotzkistische Ökonom aus Belgien, der in den 70er Jahren Schweizverbot hatte… Seine Theorie der “Langen Wellen der Konjunktur” wurde damals verlacht. Vielleicht wäre sie im Rückblick zu überprüfen?
Oder die beiden Paul, Baran und Sweezy. Diese haben 1966 in einem Essay über das “Monopolkapital” das jetzige System der managerdominierten Weltkonzerne beschrieben – liest man es heute, findet man viele aktuelle Bezüge. Ja, es ist eben doch gut, hat man die regenbogenfarbene Dekoration der edition suhrkamp (der Nummern unter 1000 hahaha) noch nicht auf den Müllhaufen der Mussmannichtmehrlesen geworfen.
Warum ich die ollen Baran und Sweezy hier anführe: Lustigerweise heben die beiden als ein neues Merkmal der Weltkonzerne hervor, diese seien mehrheitlich selbstfinanziert und von den Banken somit ganz und gar unabhängig! Ha! Buch veraltet! Weg damit! Aber vielleicht wäre eine andere Lesart angebracht: Was den beiden als Machtfaktor der Monopole erschien, wurde durch die Konzerne selber in den letzten Jahren leichtfertig verspielt! Tja, Kapitalisten sollten wahrscheinlich mehr Marxisten lesen, sie würden bessere Geschäfte machen
Um jetzt nicht in die Marxisten (Marxismen gibt es bekanntlich zwei, und bei beiden wären die beiden Marxens nicht dabei) vs. Kapitalisten-Falle zu trappen, können wir uns sicher auf etwas einigen: Marktwirtschaft bedeutet, kurz gesagt, dass die Preise über den Markt ausgehandelt werden. Das heisst auch, dass verschiedene Risiken in Kauf genommen werden. Eines davon ist jenes der Überproduktion. Unvergessen sind mir die jährlich wiederkehrenden Aktionen der Walliser Grinde, als diese die Tomaten und Aprikosen lieber in die Rhône kippten als sie zu den damaligen Marktpreisen zu verkaufen. Nun ist die Überproduktion ein Systemrisiko, über dessen Eintreten nicht mehr diskutiert werden muss. Nein, die Überproduktion ist unvermeidlich!!!. Nur das Ausmass und die Auswirkungen sind unbekannt. Man denke in diesem Zusammenhang nur an den durch alle politischen Hüttendörfer hindurch gepflegten Wachstumsfetischismus. Stillstand bedeutet in dieser Logik, die rundherum einfach akzeptiert wird, Rückschritt. Wer das anzweifelt, darf ausgegrenzt, der Lächerlichkeit preisgegeben, ja als verantwortungsloser Geselle hingestellt werden.
Ganz am Anfang der Swatch-Manie war Hayek zu Gast bei DRS 3, eine Stunde lang. Diese Sendung, die Chris von Rohr mal bücherwerfend und Arschloch sagend verliess, weil die Fragen wohl gar zu hämisch waren. Müsste ich überprüfen – irgend wo habe ich noch eine Aufnahme davon!!! Von der Hayek-Sendung auch. Da fragte der Journalist den Retter der Schweizerischen Uhrenindustrie doch allen Ernstes, ob es nicht ein bisschen daneben sei, allen Menschen möglichst mehrere dieser Plasticuhren verkaufen zu wollen – das entspreche doch keinem echten Bedürfnis. He, Hayeks Stimme gefror etwas, er fuhr dem Journalisten kurz über den Mund und liess ihn wissen, er könne diese Sendung jederzeit platzen lassen. Der Journalist zähmte in der Folge seine Rede markant! Denn ihm war klar: So fragen? Da töör me nöt! Wäre Hayek gegangen, hätte dieser es dem vaterlandslosen Gerede des Befragers anlasten können – unter dem Beifall der Allgemeinheit.
Doch zurück zur Gegenwart: Man spricht ja neuerdings von der Finanzindustrie. (Das wäre zu den Zeiten von Baran/Sweezy noch undenkbar gewesen). Diese Finanzindustrie hat nun Produkte geschaffen, die niemand mehr haben will. Deshalb schmeisst sie sie in jeden Fluss, den sie findet.
Diese Krise wird vorbei gehen. Das sage ich jetzt, hier und heute, mit absoluter Gewissheit voraus. Die nächste Krise wird folgen. Auch das sage ich mit der genau gleichen Gewissheit voraus. Und kluge Köpfe aus Wirtschaft und Politik gehen hier noch einen Schritt weiter. Sie sagen, die nächste Krise kommt bestimmt, und sie wird noch schlimmer sein als die jetzige. Und wir haben absolut keinen Grund, ihren Aussagen zu misstrauen.
Das waren nun die ausschlaggebenden Gründe für die Krise: It’s the economy, stupid – wie ein Ausländer mal sagte! Es ist das System, Dummkopf! Wie ich mal sagte.
Nächstes Mal dann zu den Massnahmen…

















Radio la Triperie:

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