Mythen um Polanski
Gestern ist mir ein Link vertschlipft. Dort, wo ich von ‘grotesken argumentatorischen Volten’ schrieb, wollte ich mich auf den Kommentar von Thomas Knellwolf im Tagesanzeiger beziehen. Also, auf diesen Kommentar hier.
Krampfhaft versucht Knellwolf, unter dem Titel “Gerechtigkeit für Polanski”, diesen als Opfer einer wildgewordenen US-Justiz hinzustellen. Er steht damit beileibe nicht allein. Im Netz häufen sich die Kommentare, gerade aus Frankreich, die den sexuellen Missbrauch von 1977 relativieren und die prüde amerikanische Sexualmoral anprangern. Letzterem kann man wirklich nicht widersprechen; lässt sich damit auch Polanskis 30jährige Flucht rechtfertigen?
Die Justiz
Das amerikanische Justizsystem hat sich in der Vergangenheit die wildesten Dinge geleistet, das ist wohl unbestritten. So wird etwa gesagt, dass die Black Panther Party durch Polizei und Justiz zu Grunde gerichtet worden ist. Dazu fehlen mir die Materialien. Mir sind aber Gerichtsurteile bekannt, die eindeutig politisch und jugendfeindlich waren, etwa jene berühmte Verurteilung des White Panther John Sinclair, Manager der Punkband MC5: 10 Jahre wegen 2 Joints.
Und Polanski war Teil der Gegenkultur, welche aus der Beatnik- und Hippieszene entstanden ist. Dass er auch Teil der kalifornischen Jeunesse Dorée war, steht dazu nicht im Widerspruch. Denn diese Jeunesse Dorée war es ja, die mit der Kreditkarte der Eltern mal für ein paar Monate oder Jahre ausflippte und damit auch allerlei komische Heilige, kauzige Gurus und charismatische Verführer wie Charles Manson durchfütterte und ihnen teilweise gar huldigte. Es bestanden in der Zeit vor den Morden der “Family” Kontakte der Gruppe zu Terry Melcher, dem Sohn der Sauberfrau Doris Day, Manager der Byrds, oder zu den Beach Boys, ein Symbol des All-American-Boy.
Es war Polanskis Frau, damals unbestritten eine der schönsten Frauen der Welt, so man solches überhaupt sagen kann, die von den wild gewordenen Bürgerkindern im Gefolge des langhaarigen Obskurantisten Manson auf unglaublich grausige und absolut gefühllose Art ermordet worden war. Damit stand Polanski jahrelang im Zentrum einer absolut unerträglichen Geschichte, die im gegenkulturellen Milieu spielt und die auch heute noch nicht ausgestanden ist – solange noch einer der Mörder lebt und immer mal wieder mit Interviews aus dem Knast die Erinnerung wach hält.
Kurz vor seiner Inhaftierung hatte Polanski zudem den grossartigen Film Chinatown mit Jack Nicholson gedreht, der über Korruption im Los Angeles der 30er Jahre berichtete – nicht gerade ein Thema, um einen konservativen Richter milde zu stimmen.
Also: Polanski hatte wirklich Grund, nicht nur als Mädchenschänder, sondern auch als Ikone der Gegenkultur, sich vor einem hasserfüllten und von Sexualneid gebeutelten Richter zu fürchten. Das stimmt.
Zwar stimmt auch, dass es damals teilweise wirklich noch als lässliche Sünde galt, wenn ein Guru der Gegenkultur sich ein junges Mädchen zur Freundin nahm. Die Justiz allerdings sah das ganz anders, und dies brachte auch Leute wie den Berner Beatnik René E. Mueller in schlimme Bedrängnis (den habe ich hier untergebracht, um Reklame für Fredi Lerchs Biographie zu machen). Sowieso lag der Fall Polanski dann doch sehr anders, hier ging es nicht um Freundin, sondern um klare Verführung einer Minderjährigen unter dem Einfluss von Drogen.
Polanski hätte also wissen sollen, dass er kaum ganz straffrei bleiben dürfte. Hätte er nicht 30 Jahre lang Zeit gehabt, seine Situation zu legalisieren, einen Deal anzustreben? Knast wäre es wohl gewesen, das ist klar – seine Tat war ja wohl schwer genug. So ist halt das Leben…
Dumm, dass der Versuch zu einem späten Deal dieses Jahr unternommen worden ist, aber durch Polanskis Anwälte auf arrogante Art vereitelt und zu einem Rohrkrepierer geworden ist, welcher die Justiz von Kalifornien grad erst recht zu einer Verhaftung motiviert hat.
Das Opfer
Knellwolf bringt noch ein anderes Argument, das häufig zu hören ist. Allerdings überdreht er es noch zusätzlich in seinem Enthusiasmus. Das Opfer hat bei ihm nicht nur seine Klage zurückgezogen, nein, das reicht ihm nicht. Er schreibt, das Opfer mache sich für Polanski stark. Nun, das ist dann doch ein bisschen stark, Herr Knellwolf. Vielleicht lesen Sie mal den Artikel in Ihrer eigenen Zeitung dazu – die Frau will ein Ende des Verfahrens, weil es sie selber psychisch belastet! Was ja wohl verständlich ist, wenn man sich ein bisschen in das Opfer versetzt und liest, welche Details über sie und die damaligen Szenen im Netz wieder ausgebreitet werden, saftig und mit Fotos.
Die Verjährung
Am Schluss bringt Knellwolf noch einen Schlenker gegen die aufgehobene Verjährung in der Schweiz unter. Ich finde diese auch nicht gut und habe dagegen gestimmt. Hier aber hat die Verjährung nur soviel damit zu tun, dass nach Annahme der Initiative Polanski automatisch an die USA ausgeliefert werden müsste, was vorher offenbar nicht der Fall war. Polanski ist ja nicht 30 Jahre nach der Tat unter Anklage gestellt worden, sondern sofort, zwei Wochen danach! Und er hat sich nun halt so lange versteckt halten können. Dumm, dass Polanski, der wegen seinem Chalet in Gstaad teilweise manchmal fast als halber Schweizer dargestellt wird, diese Gesetzesänderung nicht mitbekommen hat.
Die Verschwörungstheorie
Es ist interessant, wie schnell auch durchaus ernst zu nehmende Leute mit Verschwörungstheorien zur Hand sind. Und wie wenig sogar Journalisten die Realitäten unseres Staates kennen. Die Annahme, die Verhaftung Polanskis gerade jetzt sei ein Komplott, um die Amerikaner im Hinblick auf die Bankenaffären milde zu stimmen, ist zwar verführerisch. Aber wenn man sich das nur ein wenig praktisch überlegt, ist diese Hypothese bar jeglicher Plausibilität. Wie sollte denn sowas gehen? Wer klüngelt da mit wem? Wer die Verhältnisse im Bundesrat auch nur ein wenig mitbekommen hat, weiss, hier kämpft im Moment jeder gegen jeden. Unvorstellbar, dass Calmy-Rey, Merz und Widmer-Schlumpf miteinander klungeln – deren Departemente sind doch wohl betroffen. Oder dass Couchepin so ein Spiel mitmachen würde. Oder dass so etwas auf der Ebene der ausführenden Behörden unter dem Deckel zu behalten wäre. Schliesslich sind auch die Mitwisser bei Justiz und Polizei Menschen mit Parteizugehörigkeit oder politisch unterschiedlichen Meinungen – was ja auch das Lebenselixier der Sonntagspresse mit ihren Indiskretionen ist. Apropos Couchepin: Ich vermisse ihn schon jetzt. Ihr werdet sehen, er wird fehlen.
Nein, der Fall ist klar: Die Justiz ist von der Politik unabhängig, und die Festnahme war eine Handlung der Justiz. Wüsste nicht, was es da zu meckern gibt – sonst muss man ehrlich sagen, dass man die Gewaltentrennung aufheben will und die Politik gegenüber der Justiz weisungsberechtigt sein soll – wie es ja auch Blocher immer zu praktizieren gesucht hat.
Epilog
Es haben sich ganz viele Leute in dieser Affäre Polanski ziemlich blamiert, doch langsam scheint die Besinnung wieder einzukehren. Aber macht euch nichts draus: Jeder kann sich mal verhauen. Deshalb zur Versöhnung noch ein Griff ins Archiv, damit ihr seht, das vorschnelle Urteil wurde nicht erst in diesem Jahrhundert erfunden.
Eben, zum Schluss noch einen Artikel aus meinem Archiv (manchmal ist es gäbig, schmeisst man nicht alles weg) – eine Verschwörungstheorie, an die ich mal geglaubt habe. Später erwies es sich, dass die gutgläubigen Hippies auf die dreistesten Lügen reingefallen sind, einfach darum, weil sie so perfekt ins Weltbild gepasst haben. Alles, was in den Dokumenten hier steht, hat sich bald als total falsch und wahrheitswidrig erwiesen – wir wollten es aber einfach glauben…
Literatur zum Thema:
- Ed Sanders, The Family
- Susan Atkins, Child of Satan, Child of God
- Steven Gaines, Heroes and Villains. The true story of The Beach Boys
- John Rogan, Timeless Flight. The definitive biography of The Byrds
- Fredi Lerch, Muellers Weg ins Paradies, Rotpunkt Verlag
- Hotcha. Sippenzeitung. Ausgabe 42, 1970, und Ausgabe 44 (als pdf hier beigelegt – klicke die Bildli)










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