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La Triperie - Bruder Bernhard
steht ein für die Inneren Werte!!!

26. Dezember 2009

Hitler, ein Genie

Das erschreckende Resultat der Minarett-Abstimmung ist zumindest bei mir nicht verdaut. Ich hatte es bereits erwähnt, für mich hat sie den selben Stellenwert wie die verlorene EWR-Abstimmung von 1992. Die EWR-Abstimmung ging verloren, weil Leute aus meinem Kollegenkreis als uneinsichtige Isolationisten, als abwehrende Igel gegen ein dämonisiertes ausländisches Gebilde im Spiel der SVP mitmachten – ‘nützliche Idioten’ nennt man solche Beischläfer im extremistischen Lotterbett. Immerhin konnte man die grüne Verblendung noch nachvollziehen, die Argumente waren durchaus sachlich und in sich stimmig, wenn auch weltfremd. Die zunehmende Isolierung der Schweiz in der Welt wurde dieses Jahr auch für den hinterletzten Grünen offenkundig, und sie wird zunehmend zum Problem. Im Zusammenhang mit den Bankenaffären, der Libyenaffäre, dem aufgegebenen Bankgeheimnis, den Wirbeln um die Beihilfe zur Steuerhinterziehung: Immer wieder konnte man lesen, der Schweiz fehlten halt durch ihren Alleingang die Freunde.

Nun zur Minarett-Abstimmung:

Den nützlichen Idioten der SVP wird nicht entgangen sein, dass sie sich in einen unauflösbaren Widerspruch begeben haben. Möglicherweise ist es ihnen erst nach ihrem Bauchvotum aufgegangen. Der Widerspruch liegt zum einen darin begründet, dass sie sich hinter eine Partei stellen, die ausgerechnet das Alte Testament zur Grundlage seines Wertekatalogs, seiner “Christlichen Leitkultur” nimmt. Wir entsinnen uns, das Alte Testament: “Auge um Auge, Zahn um Zahn” – die christliche Scharia… Die EDU, zur Erinnerung, war die einzige Partei, die die Initiative offiziell unterstützt hat. Soviel noch zu “die Politiker hören dem Volk nicht zu” – vor der Abstimmung betraf das offenbar auch die SVP, die nun so in den Himmel gehoben wird als die Einzige, die die Sorgen der Leute ernst nähme. Nun, diese Tür schliesse ich stracks wieder, wer behauptet, Populismus nehme das Volk ernst, dem haben sich sowieso alle Gewichte besorgniserregend verschoben.

Mir ist auch in unguter Erinnerung geblieben dieser Furor einer Damenwelt, die sich emanzipiert glaubt, wo sie einfach nur krakeelt. Ich meine, wer kann jemanden Ernst nehmen, der vor der Abstimmung sich kaum mehr einkriegen kann mit Beispielen aus seinem Alltag, selbst Erlebte oder aus zweiter, dritter Hand, wo ein gewalttätiger Machismo Balkanjugendlicher die Hauptrolle spielt, der mit diesen Begründungen der islamischen Kultur Schranken setzen will? Wieviele Prozent der Balkanjugendlichen sind Muslime? Und von dieser Minderheit, wieviele sind mehr als Papiermuslime? Und schlussendlich auch noch: Wie halten es die Initianten, christliche Fundamentalisten, selber mit dem Machismo, den Frauenrechten, dem Selbstbestimmungsrecht in der Familie? Sind das wirklich die richtigen Verbündeten für eine Frau?

Nun zu Hitler

Aus aktuellem Anlass habe ich die dreibändige Geschichte des Dritten Reichs von Richard J. Evans wieder zur Hand genommen. Der erste Band umfasst die Zeit bis zur Machtergreifung der Nazis, und ein paar Dinge dürfen uns heute schon zu Denken geben. Evans beginnt im 19. Jahrhundert mit der Geburt des Bismark’schen Deutschen Reichs und kommt über den Ersten Weltkrieg zur Weimarer Republik, die durch die Nazis dann buchstäblich zerschlagen wurde. Lies es selber nach, hochinteressant! Ein paar Dinge, die zu Denken geben dürften, liegen im unbestreitbaren Talent der Nazis, die im Volk schlummernde Gewalttätigkeit gegen Aussenseiter anzustacheln und zu kanalisieren. Der Antisemitismus z.B. war in ganz Europa schon vor den Nazis weit verbreitet und durchaus gesellschaftsfähig; auch in Deutschland, mit einen Anteil von 1% Juden an der Gesamtbevölkerung! Diese zur Bedrohung empor zu stilisieren: Ein Meisterwerk der politischen Propaganda. Zu Denken gibt aber auch die Darstellung, wie eine Demokratie dadurch zerstört wird, dass sich immer mehr Leute von ihr abwenden und alles Übel einer ‘Classe politique’, dort halt beispielsweise ‘Novemberverbrecher‘ genannt, in die Schuhe schieben ….

Im zweiten Band wird dargestellt, wie die Nazis zwischen 1933 und 1939 den Staat zum perfekten Machtinstrument umbauten und eine echte Leitkultur durchsetzten. Der dritte Band endlich, soeben erst in deutsch erschienen, ist der heftigste. Der dritte Band nämlich hat den Zweiten Weltkrieg zum Thema, den von den Nazis angezündeten Weltenbrand, der sich ja bis nach Afrika, Asien und im Pazifik ausbreitete. Nun, ich habe über die Jahre wirklich Vieles zum Thema gelesen, angefangen von den kitschigen linksradikalen Arbeiterromanen der Zwanziger Jahre über die kitschigen Fliegerhelden- und Landserromane der Sechziger bis zu den einschlägigen Ernst zu nehmenden historischen Darstellungen, aber irgendwie war ich doch auf diesen Schock nicht vorbereitet. Die Erkenntnis, dass die Kriege der Nazis einhergingen mit einem sofortigen systematischen Terror gegen die Aussenseiter der eroberten Gebiete, Juden, Sinti und Roma, Sozialisten, Liberalen – die Liste ist zu lang, sie hier vollständig aufzuführen. Nicht dass der Terror stattfand, das war ja klar, aber dass er der siegreichen Armee auf dem Fuss folgte, das ist das Furchtbarste daran. Die Systematik. Der brandschwarze Hass.

Wie gesagt, ich habe viel zum Thema gelesen. Aber etwas ist mir immer noch nicht klar. Nämlich: Wie ist es möglich, dass ein verkrachter Künstler, ein unheilbarer Militarist, ein primitiver Schreihals, eine Witzfigur, ein möglicherweise gar Geisteskranker die vorhandenen gesellschaftlichen Kräfte so ausnutzen konnte, dass eine militaristische Diktatur einer Einheitspartei geschaffen werden konnte? Wie ist es möglich, dass ein einfacher Gefreiter zwanzig Jahre später als Oberbefehlshaber ganze Armeen aufmarschieren lassen kann?

Wie ich es auch drehe und wende, mir etwa vor Augen halte, dass ein Hitler ja nicht alleine handelte, so komme ich trotzdem immer wieder zum Schluss: Irgend etwas hat diesen Kranken in die Lage versetzt, in grossen Zügen zu denken, grossangelegte Strategien zu entwerfen, ohne dass irgendwie ersichtlich würde, was diesen Mann zu diesen Erfolgen befähigt hätte. Keine wirkliche Ausbildung, kein Zertifikat, kein Abschluss, kein Nichts. Und operierte in einem Umfeld von Doktoren, Absolventen militärischer Akademien, Ingenieuren, Wirtschaftsführern und Managern, er, dieser Prolet, Schreihals und Wüterich.

Also, wenn Hitler nicht heimlich eine echte Ausbildung erfahren hat, die der Geschichtsschreibung unbekannt ist, dann gibt es nur einen Schluss: Hitler war tatsächlich ein Genie. Und es wird sicherlich genügend Dummköpfe geben, die solch eine Feststellung mit einem Lob verwechseln. An diese habe ich beim Schreiben dieses Beitrags gedacht.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags: — Bruder Bernhard @ 11:30

3. Dezember 2009

Hämisch die Einen, erschrocken die Andern


Mein Entsetzen über die verlorene Abstimmung ist noch nicht verflogen – es wird ganz im Gegenteil eher noch grösser, wenn ich nun die Scharmützel im Hinterland verfolge.

Ich bin davon überzeugt, jene, die eben mal ein Zeichen gegen die eigene gefühlte Benachteiligung setzen wollten, dürften ein wenig erschrocken sein über das Resultat – das hätten sie nun doch nicht gewollt, dem Rassismus hierzulande dermassen Vorschub zu leisten. Denn dass es ein Votum gegen Muslime war, nicht einfach gegen ein Bauwerk, das ist wohl jedem klar, das wurde auch ganz offen gesagt. Dass der Rassismus angeheizt wurde, das zeigt sich nun täglich, in der Boulevardpresse und in den Blogs. Das war auch vor der Abstimmung schon klar, das musste jeder wissen.

Nun finden sich also diese Leute, die sich selber als gemässigt, weltoffen, nachdenklich, undogmatisch und unideologisch sehen, plötzlich im Lotterbett mit den Ewiggestrigen, den unbelehrbaren Rechten, den Kämpfern gegen jegliche Emanzipation, den Pöblern gegen ‘die da oben’, gegen die ‘classe politique’. Links will ich hier ausnahmsweise keine geben, wer die Diskussionen verfolgt hat, ist unweigerlich auf die Äusserungen von allerhand Triumphalisten gestossen.

Die Triumphalisten: Lauter Häme, laute und leise Häme über “Gutmenschen”, “Linke”, “die Elite”, die “intellektuellen Grossgeister”, die “hochintelligenten Schmierfinken”, die “Schreibtischtäter”, die den Kontakt mit “dem Volk”, “den einfachen Leuten”, “den Büetzern” verloren haben.

Häme ist es, denn offenbar hatten auch die Schlechtmenschen, die mit dem ‘Kontakt’, die ‘den Leuten zuhören’, die ‘ihre Sorgen ernst nehmen’, das Resultat nicht kommen sehen; deren Oskar Freyzinger etwa gab nach der gewonnen Abstimmung zu Protokoll, auch er sei überrascht und hätte eigentlich mit 40-45% gerechnet. Entwaffnende Ehrlichkeit… Aber im Nachhinein kann sich nun jeder Blogger als Prophet aufspielen und sich hurtig aus der Intelligentsja davon stehlen. Um sich dafür im sogenannten “Ätsch”-Lager wieder zu finden.

Im Lager jener auch, die uns vorhalten, das Volk dürfe alles, das Volk habe immer recht, wer das nicht wahrhabe, sei ein Undemokrat, und abgehoben sowieso. Nun, so bin ich halt Undemokrat, denn ich denke wirklich, die Mehrheit hat nicht immer recht, die Mehrheit darf nicht alles. Sie darf nicht ‘Ätsch’ stimmen. Sie darf nicht auf Kosten einer Minderheit ihrem Frust freien Lauf lassen. Die Mehrheit darf kritisiert, ja gar angeprangert werden. Und kommt die Kritik mal aus dem Ausland, ist sie deshalb nicht weniger wahr. Auch wenn der Stammtisch natürlich meint, sie als die übliche Einmischung fremder Fötzel abtun zu können.

Ich bin seit 1992 nicht mehr so nachhaltig sauer gewesen.

1992 wurde der Beitritt zum EWR, der späteren EU, abgelehnt. Von den Grünen und den Rechten, damals aber wenigstens aus unterschiedlichen und sachlichen Gründen, ganz ohne ‘Ätsch’. Daran haben wir jedoch heute noch zu kauen, der Entscheid wird wohl bald unter dem Druck der Verhältnisse korrigiert werden. So wird es uns auch mit der Kampagne gegen die Muslime gehen. Zunächst aber wird die SVP ihre unverhoffte Beute noch eine Zeit lang schütteln. Die nächsten Schritte sind bereits angekündigt: Burkaverbot, Kopftuchverbot, Schwimmzwang, Sprachkurszwang, Menschenrechtskonvention kündigen – jeder Tag eine neue Idee. Derweil die selben Kreise, die den Muslimen am Liebsten bis ins Schlafzimmer hinein regieren würden, für sich selber selbstverständlich die abstrusesten Ausnahmen in Anspruch nehmen. So gibt etwa ein Führer der christlichen EDU und Kämpfer gegen alles Islamische zu Protokoll, seine Kinder nicht in gewisse Unterrichtsstunden zu schicken. Sinnigerweise in einem Interview, in dem er ‘keine Ausnahmen für Muslime’ fordert. Beispiel: Wenn ein Zauberer käme, verstiesse das gegen seinen Glauben…. Dann blieben seine Kinder dem Unterricht fern. Der Mann merkt wohl gar nicht mehr, was er da eigentlich sagt.

Der Geist ist aus der Flasche, und die Zauberlehrlinge werden sich wahrscheinlich noch wünschen, sie hätten sie nie geöffnet. 60% haben einer Initiative zugestimmt, die gegen die Menschenrechte verstösst. Dass man darauf noch stolz sein kann, da dabei zu sein, sich über Leute erhebt, die sich dieses Resultats schämen? Da bin ich gerne “Elite”, “hochintelligent”, “intellektueller Grossgeist”.

Und konstatiere: All diese angeblich Benachteiligten, die ‘nie SVP wählen würden’, die nur ‘der Politik ein Zeichen geben’ wollten, haben etwas gemeinsam. Für sie ist der Staat offenkundig auch Mutterersatz. Wieso kriegt der andere mehr als ich? Wieso hört sie mir nicht zu? Mutter soll es endlich richten. Sonst tu ich halt täubelen. Jetzt habt ihr den Dreck. Vielleicht hört sie mir jetzt endlich zu.

Aber vielleicht bin ich auch einfach nur arrogant, und das waren alles unverschämt reife Demokraten.


PS: Der Link auf die beizzweinull gehört noch dazu, ganz einfach, weil ich die kühlen und klaren Argumente von Mara vor Allem nur bewundern kann, und das bleibend dokumentiert gehört.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, — Bruder Bernhard @ 08:30

13. November 2009

10′000 Schweizer töten täglich

Schweizer Waffen töten täglich. Dem hat bisher noch niemand widersprochen. Täglich sterben 2000 Menschen in bewaffneten Konflikten. Nullkommasieben Prozent (0.7%) der Waffenlieferungen kommen aus der Schweiz. Von der Waffenindustrie leben in der Schweiz gemäss Angaben der Initiativgegner 10′000 Menschen.

10′000 Schweizer sind folglich am Tod von 14 Menschen täglich beteiligt.

Gibt es eine Alternative dazu? Offensichtlich. Die Initiative “Für ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten” verlangt einen Umbau der waffenexportierenden Industrie mit Bundeshilfe. Die Initianten reden von 500 Millionen Franken Bundeshilfe. Und es scheint mir nicht unbillig, dabei an die 60 Milliarden Bundeshilfe für die Banken zu denken, die innert kürzester Zeit, innert Rekordfrist gar aufgebracht wurden, es hätte es vorher angesichts des regelmässigen Spargejammers niemand für möglich gehalten. Dies war der Tatbeweis: Man muss nur wollen wollen.

Die Aussicht auf eine Schweiz, die mit Hirnschmalz statt mit libyschem Erdöl arbeitet, wie es der bürgerliche Grüne Bastien Girod fordert, ist verlockend. Auch wegen der Sicherheit der Arbeitsplätze – in zukunftsgerichteten Industrien arbeitet es sich einfach entspannter als in rückwärtsgewandten. Gestern lag die ‘Unternehmerzeitung‘ in meinem Postfach. Gratis. Danke. Und selbst die, politisch gewiss unverdächtig, titelt:

Grüne Technologien: Schweiz droht den Anschluss zu verpassen

Zum selben Schluss komme ich, wenn ich das Interview mit dem westschweizer Wirtschaftsgeografen Pierre Dessemontet im Tagesanzeiger lese. Es bleibt der Eindruck zurück, dass Investitionen in eine Mobilitätspolitik, die sich nicht im hilflosen Bau von neuen Autobahnen erschöpft, auch wirtschaftlich interessant sein und somit Arbeitsplätze schaffen könnten. Arbeitsplätze, die kreative Lösungen exportieren.

Stellt sich natürlich die Frage, ob es mich überhaupt etwas angeht, was und wie in der Schweiz produziert wird. Schliesslich ist dies Sache des Marktes, die Politik hat sich hier nicht einzumischen. Nun, diese Frage ist ja seit der Bankenkrise eindeutig beantwortet. Kaum ein Politiker ist der Meinung, man hätte bei der UBS nicht lenkend eingreifen sollen. Und die Meinung der Bevölkerung ist sowieso gemacht. Wer gegen überbordende Boni und Löhne sich ausspricht, spricht sich automatisch für ein Eingreifen der Politik in die Wirtschaft aus.

In einem offenen Brief kritisieren 70 Rechtsprofessoren die schweizerische Praxis der Kriegsmaterialausfuhr.
Den offenen Brief und dessen Zusammenfassung fand ich auf der Seite der Initianten, und es fällt schwer, deren Argumente einfach so wegzuwischen.

Es läuft auf eine ganz einfache Frage hinaus: Ist es legitim, dass Menschen wegen Arbeitsplätzen sterben? Und wieviel Tote pro Arbeitsplatz sind noch ok? Die Frage beantwortet sich von selbst, denke ich. Wenn man das Rechenbeispiel oben weiter führt, hat nach zwei Jahren jeder Arbeitsplatz einen Toten gekostet.

Ich habe im Übrigen die pessimistischen Zahlen der Initiativgegner genommen. Die Zahlen der Befürworter sind weit tiefer, die Anzahl Toter pro Arbeitsplatz dann entsprechend höher. Aber ist das wirklich wichtig? Jeder Tote ist ein Toter zu viel, das ist sowieso klar. Wichtig ist, dass es für die Zukunft der Schweiz grundsätzlich besser wäre, klug zu produzieren, und dass das möglich ist, zeigt ein Beispiel aus meinem Alltag.

Ich bin ja immer noch mit meinem ‘Fixateur externe’ unterwegs, ein Produkt der Hightech-Medizinalindustrie. Und habe deshalb erfahren, dass in unserer Region genau diese Produkte entwickelt und produziert werden. Ich bin nämlich oft auf meinen Fixateur angesprochen worden von Forschern, Entwicklern, Designer, Verkäufern – sie alle arbeiten in dieser Industrie. Als ich dann mal nachgefragt habe, wieso sich die Branche denn genau hier konzentriert, wurden mir die gut ausgebildeten und Präzisionsarbeit gewohnten ehemaligen Uhrenarbeiter als Grund genannt. Stimmt: Unsere Region war ja die Uhrenregion der Schweiz, in den 70er Jahren ist diese grossflächige Struktur praktisch zusammengebrochen. Das war schmerzhaft, viele mussten sich neu orientieren. Im Unterschied zu den Arbeitsplätzen, die jetzt in der Kriegsmaterialindustrie zur Debatte stehen, war da allerdings kein spezielles Förderprogramm des Bundes zur Hand, um die Neuorientierung zu ermöglichen.

Das Dilemma, vor dem die Kriegsmaterialindustrie steht, wird sinnigerweise auch durch den neuen Film “The Box” aufgegriffen. Wie steht’s mit Dir? Würdest Du den Knopf drücken?

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, , — Bruder Bernhard @ 07:32

23. Oktober 2009

Falschspieler SVP/UDC legt Radio aufs Kreuz

Oft genug habe ich getrommelt und gepfiffen für das Westschweizer Radio www.rsr.ch – heute aber haben sie mich wirklich etwas überrascht durch einen unprofessionnellen Lapsus.

Ui, das tönt aber wichtig hier!

Ui, das tönt aber wichtig hier!

In der Programmvorschau der Sendung Médialogues las ich, “die welsche Blogosphäre mobilisiere sich für die als Geiseln in Libyen festgehaltenen Schweizer” – da musste ich mich natürlich vor mein Rundfunkgerät setzen und mich aufklären lassen. Wurde vorgestellt ein Blogger, Stéphane Valente, der an die welsche Tagesschau eine Petition gerichtet habe, es sei ein Zähler einzurichten, der ständig die Anzahl Tage einblende, die die Schweizer bis dato in Gefangenschaft verbracht hätten. Woraufhin die Redaktörin den Chef der welschen Tagesschau in die Zange nimmt, warum dies nicht geschehe.

Beim Zuhören wundere ich mich, dass ein Blogger in der Westschweiz eine solche Welle machen kann, dass das Radio darüber eine 15minütige Sendung und sich fast ein wenig zum Advokaten dieses Bloggers macht. Der Chef der Tagesschau macht übrigens keine schlechte Falle, er begründet ihre Berichterstattung klar, unaufgeregt und nachvollziehbar mit journalistischen Prinzipien, die sich mit einer Kampagne nicht vereinbaren lassen.

Ihr könnt euch die Sendung selber anhören, sie ist nicht uninteressant.

Nach der Sendung suche ich diese Blogosphäre, die sich mobilisiert. Überraschung: Diese Blogosphäre besteht aus Stéphane Valente, der einen der typischen Leserblogs bei der Tribune de Genève führt. Bei der Vorstellung hiess das eindrucksvoll “blogeur à la Tribune de Genève” – hélas, das kann jeder sein, jeder kann dort seinen Blog einrichten. Und in diesem Blog stellt er in aggressivem Ton die unangenehmen Fragen an die Tagesschau, warum sie auf eine Petition von www.otages.ch abschlägig antworte. Soviel ich übrigens auch suche, ich kann diese Petition nirgends finden. Aber das ist nur ein beiläufig erwähntes Detail. Wichtig hingegen: Otages.ch ist ebenfalls auf diesen Stéphane Valente eingetragen und verweist unter dem Titel “Wer wir sind” ihrerseits auf eine Facebook-Gruppe, deren Moderator niemand anders als Stéphane Valente ist. “Wer wir sind”, das geht natürlich aus einem geschützten Facebook-Profil auch nicht speziell hervor.

Nun, Stéphane Valente ist Gemeinderat UDC (die SVP in der Romandie), ein ehemaliger Bodyguard gemäss seinem autobiographischen Bericht, und die ganze Blogosphäre um ihn herum besteht aus ein paar weiteren SVP/UDC-nahen Bloggern unter dem Schirm der Tribune-de-Genève-Leserblogs. Man kann dies auch sofort sehen, wenn man otages.ch anschaut. Dort sieht man übrigens auch, dass mit offensichtlichem Vergnügen Calmy-Rey-kritische Zeitungsberichte verlinkt werden – was einer Initiative, die das Wohl der Geiseln im Auge hat, nicht gerade gut ansteht. Es ist sofort klar ersichtlich, dass hier einer sein politisches Süppchen kocht. Denn den Geiseln wird durch Seitenhiebe und Frontalangriffe auf Politiker anderer Parteien nicht eben geholfen.

Etwas mager für so viel Wind am Radio, finde ich. Und vor allem hätte das im Beitrag in irgend einer Form gesagt werden müssen. So bleibt der Eindruck zurück, La Radio de la Suisse Romande habe sich von einem nicht mal sehr geschickten SVP-Politiker instrumentalisieren lassen. Peinlich.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, , — Bruder Bernhard @ 13:57

22. Oktober 2009

Als ich ein Deutscher war

Habe ich euch schon erzählt, wie das war, als ich ein Deutscher war? Nein?

Also, vor zwanzig Jahren, da gab es ja noch kein Internet, und —- schlechter Anfang, dies ist keine nostalgische ‘Wir hatten ja nüscht, wir hatten so wenig, nich mal Hunger hatten wir’-Nostalgie.

Ach, geht euch ein bisschen entspannen bei Didsch, den hab’ ich eben grad gefunden, da ists lustig. Vor allem wegen seiner Entdeckung natürlich, Wäis Kiani. Den Trick kennen wir ja schon von der Weltwoche, Kolumnistin, weiblich, osmanisch-deutsche Wurzeln, loses Schreibwerk, attraktives Porträt – na ja, Vermicelles sind auch immer wieder genau gleich, und dennoch könnte ich mich nur davon ernähren, wüsste ich nicht um die Gefahr chronischen Magenbrennens.

Wieder zurück?

Waren wir mit unserem Volksmusikunterhaltungsorchester, quasi Oesch die Nullten müsst ihr euch vorstellen, mit einer befreundeten deutschen Truppe unterwegs in Nordrhein-Westfahlen und danach im Schwarzwald. Schön war’s. Doch davon auch später nicht mehr. Ich will über Kostüme nun reden.

Ich hatte kurz vorher im Brockenhaus hier einige Adidas-Fussballleibchen erstanden, schön verblichenes dunkelrot, hinten stand ‘Breitner’ drauf. Und mit einem dieser Leibchen, Adidas erfuhr damals grad ihr erstes von gefühlten 20 Revivals, stieg ich stolz auf die Bühne, im Schwarzwald, in Schweningen (oder war’s Villingen? Dumm, in dieser Frage sind die heikel). Und hatte einfach immer das Gefühl, es würde meinem erlesenen kultivierten angesagten Geschmack nicht gebührend gehuldigt. So was fühlt man als Empath einfach.

Wer Deutschland ein wenig kennt, hat es schon lange gemerkt; ich musste es mir damals sagen lassen. Mit Bayern München Leibchen lässt sich ausserhalb Münchens grad gar kein Staat machen.  Und sei es noch so selten, noch so Seventies! Es war peinlich, ich habe es nie vergessen können, es wird mich mein Leben lang verfolgen. Wie ich jetzt grad bewiesen habe.

Und jetzt steh ich vor einem ähnlichen Problem.

Ich bin ja im Moment immer noch ziemlich reduziert unterwegs, Krücken, wie ich hier schon mal dargelegt habe. Das dauert noch ein paar Wochen. Und muss deshalb meine Garderobe in Richtung Funktionalität ein wenig aktualisieren. Eine wasser- und winddichte Hose mit Hitzestaugarantie innerhalb von Gebäuden habe ich schon. Ist toll, jetzt, bei der Bise. Brauchte ich noch eine Jacke. Wasser- und winddicht, warm – ist meine alte Lederjacke aus dem Ausverkauf im Hallenstadion 1956 zwar auch, aber erstens saugt sie sich schnell mit Wasser voll, und vor allem: Sie wiegt schon im trockenen Zustand etwa 10 Kilo.

Ahnt ihr, was jetzt kommt? Habt ihr die Blogophonie verfolgt in der vergangenen Woche?

Genau: eine Jack-Wolfskin-Jacke habe ich gekauft! Etwa einen Tag, bevor der Sturm losging. Und jetzt? Eine Bayern-München-Jacke wäre unproblematischer.

Ich stecke tief drin. Ob ich sie wohl zurück geben kann?

Ah, die 70er-Bayern-München-Adidas-Leibchen habe ich still und leise weggeworfen. In den Altkleidersack. Damit blamiert sich jetzt einer in Afrika.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, , , — Bruder Bernhard @ 22:27

16. Oktober 2009

DRS: Konzessionsgelder kürzen sofort!!!

Mittags um halb zwei in der Schweiz. Soeben hat Beat Kappeler seine interessante Analyse der Subprime-Krise vom letzten Jahr geliefert, als die UBS vom Staat gerettet werden musste. Aber nicht das ist unser Thema.

Diese verdammte Frechheit des nationalen Sender der deutschen und rätoromanischen Schweiz, nur in dumpfster Mundart zu senden, das ist das Thema. Es fällt mir ja selten auf – aber heute mittag war es eklatant aus zwei Gründen.

Der eine Grund ist schon mal das auffällig seichte Niveau von DRS1. Das Dritte strafe ich sowieso mit absolutem Schweigen, diese geistlosen Moderationen auf Prozac sind ja nicht auszuhalten. Aber auch DRS 1: Man hat fast den Eindruck, dort werden nur noch dümmliche Spiele für äthergeile Hausfrauen gesendet, wo es um irgendwelche Goldtaler und Lose geht, eine ganz schlimme Verkleisterung der raren Frequenzen. Ich gebe allerdings zu: Seit mindestens einem Jahr schalte ich diese leere Strohdrescherei gar nicht mehr ein. Aber ich fress 20 Meter LAN-Kabel, wenn sich das geändert hat.

Seit mindestens einem Jahr höre ich praktisch nur noch Radio Suisse Romande 1, bloss manchmal, wie heute mittag, Echo der Zeit auf DRS 1.

Heute war ich mit einem Satz am Radio, als ich den Teaser nach dem Mittagsinterview hörte. Ein Buch würde besprochen, das in Washington spiele, mit geheimen Sachen zu tun habe, und und und – schon nach dem ersten Wort war klar: Dan Brown. Und dann wurden noch die ersten Zeilen vorgelesen. Um ein Schwimmbad ging’s da, etwa drei Sätze lang, dann war Dan Brown oder wie der Protagonist auch immer heissen mag schon zu Hause und “begab sich an sein Ritual”. Ich zitiere das aus dem Kopf, wichtig ist die Kombination mit ’sich begeben’. Da merkt ja schon der unbedarfteste Leser: Das ist Deutsch von der Müllhalde. Etwa so formuliert auch der PR-Laden von hier gegenüber, einen richtigen Quartierladen musst dir vorstellen, im Schaufenster ganz schlimme Tea-Room-Kunst, Tiere, das Matterhorn, dazu ein sauber kalligraphierter Zettel, man könne diese Werke ‘käuflich erwerben’. Diese Überhöhung, die den prosaischen Akt des ‘Geld-gegen-Ware’ mit einer gewählten Ausdrucksweise kaschieren will – in der 5. Klasse haben wir so geschrieben!!! Dan  Brown!!! Die Literatursendung auf DRS 1.

Habe dann sofort umgeschaltet.

Gleichzeitig lief übrigens bei den Romands ebenfalls eine Literatursendung. Grad nach dem Mittagessen. Dort ging es wirklich um Literatur, nicht als Tiefsinn ohne echten Boden, sondern…. ach, mag das jetzt nicht beschreiben, hört doch selber mal rein bei www.rsr.ch.

Und genau darum geht es jetzt.

Wer beim Französisch aufgepasst hat in der Schule oder später als Au-Pair im Welschland, der hat zumindest eine Chance, die Sendungen unserer Confrères zu verstehen. Hingegen bei ‘unserem’ Sender: Kaum schalte ich mal um, höre ich falsch gefärbte Vokale, die krachende Kehle einer Yvonne Dünser, die wahrscheinlich total stolz darauf ist, es aus ihrem Tal irgendwo hinten in einem Bergkanton nach Zürich ans Radio geschafft zu haben, und das ganz ohne sich verbiegen zu müssen!!! Meine Güte!!! Eine Frechheit ist das, wie diese Leute reden, nämlich ganz so, wie man auch bei ihnen zu Hause geredet hat, ohne einen Gedanken an die Verständlichkeit zu verschwenden.

Bei den Romands würde das doch nie vorkommen, dass eine Moderatorin völlig ungerührt im tiefsten Argot ihres Bergbauerndorfes mehr als vielleicht zwei Wörter, die als Ironie, von sich geben täte. Bei den Deutschschweizern ist das aber die Norm!!!

Ich bin nicht Spezialist für Konzessionsfragen und mag jetzt auch nicht nachschlagen gehen, denn der gesunde Menschenverstand alleine sagt schon: Diese Autisten verschwenden die Gelder, die sie von allen Zuhörern aus der Schweiz als Zwangsabgabe erhalten. Ich fordere: Verständlich reden, in Hochsprache, wie das die Romands ganz selbstverständlich tun, oder Konzessionsgelder nur noch im Verhältnis zur Einwohnerschaft der Herkunft der Moderatoren auszahlen. Der Rest geht an die kultivierten Sender in der Schweiz. Einen davon habe ich eben genannt.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, , , , — Bruder Bernhard @ 14:39

14. Oktober 2009

Handwerker täten sich schämen

Manchmal kann mich schon ein kleines Detail schockieren. Es taucht unvermittelt auf aus einer Sauce der Mittelmässigkeit, die von ganz offenkundig völlig überforderten Leuten in beschönigend Redaktion genannten Stollen angerichtet wird. Redaktion: dort wird doch redigiert, sollte man annehmen. Meine Güte. Das war einmal. Redaktion heute, das heisst wie gesagt überforderte, wahrscheinlich auch übernächtigte Leuggeli, die ihrem Berufsbild versuchen gerecht zu werden. Das Berufsbild heisst – ach, keine Ahnung, wie das heisst – Zeilenknecht? Online-News-Umschreiber? Copy-Paster?

Als kleiner Mitarbeiter in einem der vielen Journalistenbüros der 70er Jahre war ich immer sehr gelangweilt, ja befremdet eigentlich, wenn die älteren Kollegen quasi in Ehrfurcht erstarrten, wenn der Name OSKAR RECK fiel. Für mich ein BOF.  Das wollte ich schon lange mal bekennen. Denn heute verstehe ich. Jetzt, wo ich allergrösste Mühe hätte, einen Journalisten zu nennen, der durch Kenntnisse, Verstand, Analyse, Klarheit des Ausdrucks, staatsbürgerliche Verve und persönliche wie berufliche Integrität glänzt. Jetzt weiss ich, was wir an einem Oskar Reck hatten. So. Das musste mal gesagt sein.

Heute befindet sich der Journalismus dermassen in einem Tief, dass wir schon die sporadischen frechen Einwürfe eines Constantin Seibt als DAS ABSOLUTE MANNA einsaugen. Nichts gegen Seibt. Aber alles gegen die fahle Wand, gegen die sich abzuheben keine grossartige Kunst ist. Er macht einfach das, was ich von einem Journalisten erwarte. Und er glänzt deshalb, weil es wenige seiner Klasse mehr gibt.

Ich wollte aber eigentlich nicht über Seibt schreiben. Sondern eigentlich vor allem mal meiner Bewunderung für all die Handwerker Ausdruck geben, die ich so oft bei der Arbeit beobachten kann. Sei es, weil bei mir ein Gasofen eingestellt wird, sei es, weil ich die präzisen, prägnanten, zielgerichteten Handgriffe der Seilbahnmonteure beim Leubringenbähnli vom Bürofenster aus beobachte – achtet euch selber mal, wie würdig, selbstsicher und eben auch kompetent diese Leute auftreten. Und damit aufzeigen, wo eigentlich noch gute Arbeit geleistet wird.

Denn es geht offenbar auch anders.

Da führt man sich wieder einmal eine unserer neuen Onlinezeitungen zu Gemüte, wie zum Beispiel diesen dreimal vermaledeiten Tamedia-Mist, wo ich heute Abend, um 22:25, immer noch den Satz vom Seite-3-Girl, welches prangert, lesen kann. Der Satz wurde heute morgen um 07:48 geschrieben- seit 15 Stunden steht dieses Wort, das in keinem Duden steht und einfach völlig falsch angewendet wird, das die völlige sprachliche Überforderung des Autors anprangert, im Lead zum Artikel über den Blick.

Es prangt ein Pferdehalfter an der Wand dumm dumm dumm dumm (Sorry, das Lied kennt siche niemand)

Es prangt ein Pferdehalfter an der Wand dumm dumm dumm dumm (Sorry, das Lied kennt sicher niemand)

Und kein Schwein dort merkt etwas, sagt etwas, korrigiert das. Kann man das für möglich halten?

Ganz ehrlich: Handwerker würden sich nach einer solchen Blamage nicht mehr aus dem Haus wagen. Journalisten aber, die merken das nicht einmal.

Und dann wundern die sich noch über das sinkende Ansehen ihres Berufsstandes.

(via)

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, — Bruder Bernhard @ 22:39

Ein Gimpel pro Minute

Colonel Tom Parker: Wahrlich kein angenehmer Mensch. Aber man konnte viel von ihm lernen. Und seine Maximen sind immer noch gültig. Seine wichtigste und berühmteste: There’s a sucker born every minute.

Also: Jede Minute wird ein Gimpel geboren.

Der Gimpel, scheints eine Finkenart, soll leicht auf die Leimrute zu locken sein.

Colonel Parker, übrigens, war der Manager seines Boy Elvis Presley, und er sorgte Zeit ihrer gemeinsamen Karriere dafür, dass sein Schützling nicht zu billig verkauft wurde. Aber das ist nicht unser Thema jetzt. Das Thema ist: Ich habe noch eine Schuld hier – ihr entsinnt euch, vor drei Wochen habe ich Freches über Webseiten von Politikern geschrieben unter dem Titel “Wie Politiker von Webagenturen über den Tisch gezogen werden“. Und ich habe die Frage in die Runde geworfen, was wohl darauf hinweise, dass ‘Bundesrat’ Urs Schwaller nicht unbedingt mein Vertrauen hätte, geht es darum, meine Steuerfranken vernünftig einzusetzen. Die Antwort kommt also jetzt.

Ich habe zur Demonstration heute abend die Webseite von Herrn Schwaller auf dem PC meiner Nachbarin geladen. Dort sieht man es am Besten. Also, mir nach:

19:35 Uhr, noch ohne Bild

19:35 Uhr, noch ohne Bild

Beim Aufruf der Webseite sieht man noch nicht viel, aber der Programmierer hat den Platz für das Bild schon vorbereitet – gut. Es ist 19:35 (die letzten 10 Sekunden davon).

Was kommt als nächstes?

Der Header erscheint

Der Header erscheint

Ah, es kommt Farbe ins Bild – die Hochhäuser und Blüemli des Seitenkopfes erscheinen. Es ist immer noch 19:35. Bitte den grünen Balken links unten beachten. Dieser zeigt an, dass noch Elemente der Seite geladen werden. Nun kann es nicht mehr lange dauern.

Ein schwarzer Streifen

Ein schwarzer Streifen

Aha! Ein schwarzer Streifen. Auf dem nächsten Bild wird es 19:36 sein, im Fall.

nach ungefähr 10 Sekunden

nach ungefähr 10 Sekunden

Es ist unterdessen 19:36, wir sehen einen silbernen Scheitel – sehr schön, beneidenswert, ich kenne Leute, die zahlen für diese Farbe beim Coiffeur 200 Franken, ausdrücklich ohne Erfolgsgarantie. Es ist nämlich nicht leicht, schwarz oder braun nach grau umzufärben. Das nur am Rande, um zu zeigen, wie die Gedanken abzuschweifen beginnen beim Warten. Vielleicht versucht ihr’s mal selbst: Ladet eine Webseite und messt 10 Sekunden ab. Jede Wette, die Seite ist in dieser Zeit zweimal geladen. Mindestens!!!

Ihr wisst sicher, wie’s jetzt weiter geht, was ihr nicht wisst, ist: Wie lange dauert das noch?

Die Stirn erscheint, teilweise

Die Stirn erscheint, teilweise

Augenbrauen schon?

Augenbrauen schon?

Nein, wir sind noch nicht bei den Augenbrauen!!!

jetzt! Die Augenbrauen!!! Oder?

jetzt! Die Augenbrauen!!! Oder?

Ja, genau, da sind sie. Erinnert an Marilyn Monroe, die hatte auch so dunkle. Aber die Gedanken schweifen schon wieder ab…

Das ist ja Schwaller!

Das ist ja Schwaller!

Ja, genau, das ist er!!!

Undsoweiter

Undsoweiter

bis in alle Ewigkeit – nein, kann nicht mehr ewig dauern, es ist übrigens immer noch 19:36, das geht doch noch, oder? Ich überspring jetzt mal ein paar Bilder, bis hierher:

19:37

19:37

Eine Minute später, es ist noch nicht das ganze Bild geladen!!!

Ich verzichte darauf, den Rest einzublenden, ihr könnt das Endresultat ja selber bei Herrn Schwaller nachschauen. Ehrlich gesagt, verpasst ihr allerdings nichts: Das Bild haben wir ja jetzt gesehen. Wer allerdings Lust hat, darüber informiert zu werden, dass Herr Schwaller am 7. September an der Herbstsession im Bundeshaus persönlich anzutreffen ist, oder wer seine Reden nachlesen will (Offiziersgesellschaft, GV cemsuisse, 100 Jahre CVP Stadt Zürich), kurz, wer Lust auf ein eingeschlafenes Gesicht hat, der ist dort in seinem Element.

Kurz und schmerzlos jetzt: Herr Schwaller hat sich eine Webseite verkaufen lassen, die gegen den allerersten Grundsatz aus der Häfelischule der Webdesigner verstösst: Halte es schlank!!! Die Startseite enthält ein Porträt von einem halben Megabyte, in den Dimensionen 1500 X 1001 px, die zuerst mal geladen werden müssen, danach wirft der Browser zwei Drittel davon weg, denn das Bild wird auf die Grösse 548 X 364 herunter skaliert – mir gehen die Ausrufezeichen hier aus….

Warum das bei der Nachbarin so lange dauerte? Nun, zuerst mal ist mir schon bei mir aufgefallen, übers WLan des Nachbarn, wo ich manchmal mit 1MBit/Sec unterwegs bin (wie übrigens jetzt auch), dass die Seite langsamer lädt als normal wäre. Und die Nachbarin arbeitet noch mit einem Analogmodem, dort kann man den Effekt so schön vorführen.

Warum ich das hier so breit trete? Ich habe es schon im vorherigen Posting zum Thema gesagt:

Wenn ein Politiker nicht mal in der Lage ist, sich das Knowhow für einen gelungenen und fehlerfreien Webauftritt zu posten, wie kann man ihm dann in anderen Themen trauen, wo er ja nicht mal sein eigenes Geld ausgibt, nicht für sein eigenes Image arbeitet, sondern mit dem Geld von uns Steuerzahlern einkauft?

Wenn wir nun den Gimpel als Messgrösse für die Ladezeit einer Webseite einführen, wurden während der Warterei auf Schwallers Seite eineinhalb weitere Gimpel geboren…

Schwaller ist immerhin zu Gute zu halten, dass seine Webseite online ist, obwohl sie über einen Server ausgeliefert wird, was ja total abstrakt ist. Zu abstrakt für meine andere Freundin aus dem erwähnten ersten Beitrag, Ségolène Royal. Grad jetzt, wo sich Sarkozy wieder mal eine schöne Blösse gibt, weil er seinen 23jährigen Sohn zum Chef eines grossen Industriebezirkes machen will, wo eine Petition im Internet fordert, Jean Sarkozy solle doch bitte zuerst sein Jus-Studium abschliessen (2. Jahr), grad jetzt kommt bei désirs d’avenir seit Stunden schon diese Meldung:

Database Error: Unable to connect to the database:Could not connect to MySQL

Abgelegt unter: Praxistest — Tags:, , , — Bruder Bernhard @ 00:04

28. September 2009

Swisscom blamiert sich

Ob wohl die Swisscom immer noch im Denken des Staatsbetriebs befangen ist? Irgendwie hatte ich den Eindruck, die Firma hätte sich seit den Ascom-Hasler-PTT-Zeiten dynamisiert, aber die Dynamik scheint mir wieder verloren zu gehen.

Hier ist meine Geschichte (jeder hat ja die Seine….):

Vor zwei Monaten habe ich ein neues Notebook gekauft, um das Arbeiten mit Mobile Unlimited zu testen und natürlich auch, um im Spital trotzdem verbunden zu sein. Drei Monate hätte das Probeangebot von Swisscom laufen sollen, heute nacht allerdings war die Leitung plötzlich tot. Nachdem ich verschiedentlich versucht hatte, wieder Verbindung zu kriegen, klärte ein Anruf bei Swisscom dann die Lage: Das Datenvolumen von 10 GB war erreicht, deshalb wurde mir sang- und klanglos abgeklemmt. Dieses Vorgehen hätte mich schon warnen sollen. Ich meine, wer einen Kunden gewinnen will, der schickt ihm doch zumindest eine Nachricht, weshalb er plötzlich keine Verbindung mehr hat? Idealerweise sogar ein paar Tage vorher, das dürfte doch keine Schwierigkeiten bereiten und scheint mir das Normalste der Welt zu sein.

Ich wollte dann das Probeabo in einen Vertrag umwandeln – dass es 59 Franken pro Monat kostet, damit 10 Franken teurer als die Konkurrenz ist, das war mir klar. Deshalb verlangte ich eine kurze Vertragsdauer – die Swisscom aber konnte mir nur den Jahresvertrag anbieten. Das wären dann 720 Franken, die ich für diesen Vertrag zahlen müsste.

Da ich bereits jetzt für Telefon und Internet im Büro 1200 pro Jahr und für Mobiltelefoniererei rund 600 zahle, wird mich dieser Absprung von Swisscom dazu motivieren, mich nach einem Gesamtpaket umzusehen, also Fixnummer/Internet/Mobil/Mobil Internet, im Moment rund 200 pro Monat. Mich dünkt, jemand müsste mir doch das für ca. 120 pro Monat anbieten können? Auf jeden Fall werde ich den G3-Vertrag woanders abschliessen müssen, und unter Umständen die anderen Dienste ebenfalls dort hinüber nehmen. Und die Swisscom hat gar nichts mehr.

Stur wie Anton. Die Swisscom, ich auch. Mit dem Unterschied, dass sie als die Blöden da stehen, die mich von einem neuen Dienst überzeugt haben, mit dem entsprechenden Werbeaufwand, und ich buche ihn nun woanders – womit die Konkurrenz gratis zu einem neuen Kunden kommt.

Abgelegt unter: Praxistest — Tags: — Bruder Bernhard @ 16:41

24. September 2009

Wie Politiker von Webagenturen über den Tisch gezogen werden

Kann man einem Politiker einen amateurhaften Auftritt im Web nachsehen? Schauen wir zuerst mal ein paar Beispiele an.

Dank reto.m habe ich grad vorher mal die Webseite des Bundesratskandidaten der welschen CVP angeschaut. Abgesehen davon, dass Schwaller sich als problemloser Vertreter der Romandie verkaufen wollte, er aber nicht mal daran dachte, seine bloss deutschsprachige Webseite vorher wenigstens übersetzen zu lassen – abgesehen davon leistet sich Schwaller bzw. seine Webagentur schon auf der Startseite einen der schlimmsten Anfängerfehler überhaupt.

Ich überlasse es euch, die Seite zu laden und den Fehler zu finden. Seinem Webberater gehören sicher die Ohren lang gezogen – aber vielleicht hat Schwaller als ehrlicher Christ ja einen Verwandten beauftragt, um diesem den Einstieg ins Webdesign zu ermöglichen…

So wie wohl auch die französische Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal. Sie ist sogar soweit gegangen, die Seite ihrer Partei in der Partei, Desirs d’Avenir, durch ihren neuen Geliebten designen zu lassen. Sie soll sogar ein  Budget von 40′000 Euro eingereicht haben, um das Meisterwerk noch mit einer Datenbank zu verbinden, um einen Fan-Shop aufzuziehen. Diese Rechnung an ihren Hauptsponsor hat in Frankreich ziemlich Wellen geschlagen, nachdem sie publik geworden ist.

Royal bestreitet unsaubere Machenschaften und argumentiert, die bisherige Webseite sei noch viel teurer gewesen. Wo hier die Wahrheit liegt, ist im Moment schwer zu sagen. Dies ist auch nicht so wahnsinnig wichtig – wichtig ist Royals neuer Webauftritt. Es gibt ihn unterdessen in drei Versionen: die erste vom 15. September, die auch noch durch Serverfehler 500 glänzte;

Desir davenir Version 1 - eine Sekte?

Desir d'avenir Version 1 - eine Sekte?

die zweite vom 17. September, die ein Frechdachs mit den Windows-Programmen Paint und Notepad in 30 Minuten kopiert hat, um das Budget zu ridikulisieren;

Désirs davenir Version 2 - Kindergarten?

Désirs d'avenir Version 2 - Kindergarten?

eine dritte vom 22. September, immer noch unglaublich trashig designt und immer noch mit schlimmen Fehlern,

Désirs davenir Version 3 - ein Standarddesign von Joomla, heisst es

Désirs d'avenir Version 3 - ein Standarddesign von Joomla, heisst es

zum Beispiel mit einem Mitgliedschaftsknopf “Cliquez ici”,

coucou, cliquez ici

coucou, cliquez ici

der nicht funktioniert!!! Incroyable!!!!

Wer den Schaden hat, braucht natürlich für den Spot nicht mehr zu bezahlen – nur blöd, dass die verbliebenen Hardcore-Fans von Royal der Meinung sind, man dürfe sich über diese abverheite dreimal kaputt geflickte Arbeit nicht amüsieren. So musste sich dieser Clip in Youtube vorhalten lassen, es sei ja eine Montage, es sei gar keine Berichterstattung über Désirs d’avenir, die den Lachkrampf bei der Moderatorin verursache… Incroyable!!!!

In Le Temps heute lese ich übrigens auch von einer schönen Gaffe von Sarkozys Herausforder Dominique de Villepin, der ein wichtiges Statement auf seine Webseite gestellt haben soll, bloss gehe die Aussage im Strassenlärm total unter. Leider konnte ich es nicht überprüfen – das Video blieb hier schwarz… Vielleicht geht’s ja bei euch?

Also: Kann man einem Politiker einen amateurhaften Auftritt im Web nachsehen?

Der Punkt hier ist der folgende: Wenn ein Politiker nicht mal in der Lage ist, sich das Knowhow für einen gelungenen und fehlerfreien Webauftritt zu posten, wie kann man ihm dann in anderen Themen trauen, wo er ja nicht mal sein eigenes Geld ausgibt, nicht für sein eigenes Image arbeitet, sondern mit dem Geld von uns Steuerzahlern einkauft? Ich habe in der Schule noch gelernt, eine Stellenbewerbung müsse fehlerfrei und ohne Tintenflecken oder Knickfalze total proper versandt werden – ich frage mich ernsthaft, ob diese Leute hier, die à la “va te faire foutre” sich präsentieren, solche Grundsätze eigentlich nicht kennen. Frechdachse sind das, ganz einfach.

So – unterdessen den Fehler bei Schwallers Startseite gefunden? Von neuen Kommentatoren werden nur richtige Antworten hier veröffentlicht, also scharf nachdenken!!!

Nachtrag drei Wochen später:

Die Auflösung gibts hier

Abgelegt unter: Praxistest — Bruder Bernhard @ 18:59
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