
Mein Entsetzen über die verlorene Abstimmung ist noch nicht verflogen – es wird ganz im Gegenteil eher noch grösser, wenn ich nun die Scharmützel im Hinterland verfolge.
Ich bin davon überzeugt, jene, die eben mal ein Zeichen gegen die eigene gefühlte Benachteiligung setzen wollten, dürften ein wenig erschrocken sein über das Resultat – das hätten sie nun doch nicht gewollt, dem Rassismus hierzulande dermassen Vorschub zu leisten. Denn dass es ein Votum gegen Muslime war, nicht einfach gegen ein Bauwerk, das ist wohl jedem klar, das wurde auch ganz offen gesagt. Dass der Rassismus angeheizt wurde, das zeigt sich nun täglich, in der Boulevardpresse und in den Blogs. Das war auch vor der Abstimmung schon klar, das musste jeder wissen.
Nun finden sich also diese Leute, die sich selber als gemässigt, weltoffen, nachdenklich, undogmatisch und unideologisch sehen, plötzlich im Lotterbett mit den Ewiggestrigen, den unbelehrbaren Rechten, den Kämpfern gegen jegliche Emanzipation, den Pöblern gegen ‘die da oben’, gegen die ‘classe politique’. Links will ich hier ausnahmsweise keine geben, wer die Diskussionen verfolgt hat, ist unweigerlich auf die Äusserungen von allerhand Triumphalisten gestossen.
Die Triumphalisten: Lauter Häme, laute und leise Häme über “Gutmenschen”, “Linke”, “die Elite”, die “intellektuellen Grossgeister”, die “hochintelligenten Schmierfinken”, die “Schreibtischtäter”, die den Kontakt mit “dem Volk”, “den einfachen Leuten”, “den Büetzern” verloren haben.
Häme ist es, denn offenbar hatten auch die Schlechtmenschen, die mit dem ‘Kontakt’, die ‘den Leuten zuhören’, die ‘ihre Sorgen ernst nehmen’, das Resultat nicht kommen sehen; deren Oskar Freyzinger etwa gab nach der gewonnen Abstimmung zu Protokoll, auch er sei überrascht und hätte eigentlich mit 40-45% gerechnet. Entwaffnende Ehrlichkeit… Aber im Nachhinein kann sich nun jeder Blogger als Prophet aufspielen und sich hurtig aus der Intelligentsja davon stehlen. Um sich dafür im sogenannten “Ätsch”-Lager wieder zu finden.
Im Lager jener auch, die uns vorhalten, das Volk dürfe alles, das Volk habe immer recht, wer das nicht wahrhabe, sei ein Undemokrat, und abgehoben sowieso. Nun, so bin ich halt Undemokrat, denn ich denke wirklich, die Mehrheit hat nicht immer recht, die Mehrheit darf nicht alles. Sie darf nicht ‘Ätsch’ stimmen. Sie darf nicht auf Kosten einer Minderheit ihrem Frust freien Lauf lassen. Die Mehrheit darf kritisiert, ja gar angeprangert werden. Und kommt die Kritik mal aus dem Ausland, ist sie deshalb nicht weniger wahr. Auch wenn der Stammtisch natürlich meint, sie als die übliche Einmischung fremder Fötzel abtun zu können.
Ich bin seit 1992 nicht mehr so nachhaltig sauer gewesen.
1992 wurde der Beitritt zum EWR, der späteren EU, abgelehnt. Von den Grünen und den Rechten, damals aber wenigstens aus unterschiedlichen und sachlichen Gründen, ganz ohne ‘Ätsch’. Daran haben wir jedoch heute noch zu kauen, der Entscheid wird wohl bald unter dem Druck der Verhältnisse korrigiert werden. So wird es uns auch mit der Kampagne gegen die Muslime gehen. Zunächst aber wird die SVP ihre unverhoffte Beute noch eine Zeit lang schütteln. Die nächsten Schritte sind bereits angekündigt: Burkaverbot, Kopftuchverbot, Schwimmzwang, Sprachkurszwang, Menschenrechtskonvention kündigen – jeder Tag eine neue Idee. Derweil die selben Kreise, die den Muslimen am Liebsten bis ins Schlafzimmer hinein regieren würden, für sich selber selbstverständlich die abstrusesten Ausnahmen in Anspruch nehmen. So gibt etwa ein Führer der christlichen EDU und Kämpfer gegen alles Islamische zu Protokoll, seine Kinder nicht in gewisse Unterrichtsstunden zu schicken. Sinnigerweise in einem Interview, in dem er ‘keine Ausnahmen für Muslime’ fordert. Beispiel: Wenn ein Zauberer käme, verstiesse das gegen seinen Glauben…. Dann blieben seine Kinder dem Unterricht fern. Der Mann merkt wohl gar nicht mehr, was er da eigentlich sagt.
Der Geist ist aus der Flasche, und die Zauberlehrlinge werden sich wahrscheinlich noch wünschen, sie hätten sie nie geöffnet. 60% haben einer Initiative zugestimmt, die gegen die Menschenrechte verstösst. Dass man darauf noch stolz sein kann, da dabei zu sein, sich über Leute erhebt, die sich dieses Resultats schämen? Da bin ich gerne “Elite”, “hochintelligent”, “intellektueller Grossgeist”.
Und konstatiere: All diese angeblich Benachteiligten, die ‘nie SVP wählen würden’, die nur ‘der Politik ein Zeichen geben’ wollten, haben etwas gemeinsam. Für sie ist der Staat offenkundig auch Mutterersatz. Wieso kriegt der andere mehr als ich? Wieso hört sie mir nicht zu? Mutter soll es endlich richten. Sonst tu ich halt täubelen. Jetzt habt ihr den Dreck. Vielleicht hört sie mir jetzt endlich zu.
Aber vielleicht bin ich auch einfach nur arrogant, und das waren alles unverschämt reife Demokraten.
PS: Der
Link auf die beizzweinull gehört noch dazu, ganz einfach, weil ich die kühlen und klaren Argumente von Mara vor Allem nur bewundern kann, und das bleibend dokumentiert gehört.